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... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten
Künstlerische Fotografie mit dem Thema Heimat und Identität. Oder – wozu dient die Kunst?
Der Titel des diesjährigen Projekts der KulturRegion Stuttgart beginnt mit dem Zitatfragment „... und grüßen Sie mir die Welt“. Es stammt aus einem Brief, den Heinrich Heine 1829 an Friederike Robert in Berlin schrieb. Heine befand sich damals gerade in Potsdam und sein Gruß liest sich wie die Sehnsucht eines Weltbürgers, der seiner engen Umgebung entfliehen möchte, um in eine Stadt größerer Vielfalt überzusiedeln. Heine lebte dann auch ab 1831 in Paris, der größten multikulturellen Metropole im damaligen Europa. Das Zitat verweist vor diesem Hintergrund auf die Umsetzung offener Denkweisen und auf das respektvolle Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen.
Die Verbindung von Heimat und Identität ist, wenn sie traditionell aufgefasst wird, vor allem in Deutschland, ein nachhaltig ideologisch belastetes Begriffspaar. Die Frage nach der Bedeutung der einzelnen Begriffe fördert dabei oft eher unscharfe, gefühlsbetonte und unreflektierte Vorstellungen zutage. Das Verhältnis zur eigenen Herkunft wird dementsprechend romantisierend als „Verwurzelung“ oder mit „Heimatliebe“ beschrieben. Diese Einschätzungen gehen auf eine Auffassung zurück, wie sie vor allem im 19. Jahrhundert, verbunden mit der Verortung in einem ländlich bäuerlichen Milieu, angelegt worden war; im Nationalsozialismus wird Heimat dann zum aggressiv gewendeten Orientierungsmuster der Ausgrenzung.
Entscheidend ist, dass diese herkömmliche Auffassung von Heimat und Identität auf einem emotionalen Bild beruht, das bis heute wirksam, die Gefahr von Ausschlüssen in einer Gesellschaft birgt. Gerade angesichts der Globalisierung und den damit verbundenen differenzierten Fragen zu Integration und kultureller Identität, wäre es absurd, diese traditionelle Ausrichtung der Begriffe aufrechtzuerhalten. Vielmehr geht es heute darum, zu verstehen, dass Identität und Heimat als zeitweilige Konstruktionen zu begreifen sind, die sich ständig verändern. Der Ethnologe Hermann Bausinger wies bereits 1979 darauf hin, dass Heimat als „Lebensmöglichkeit und nicht als Herkunftsnachweis“ zu begreifen sei. Dementsprechend forderte die Menschenrechtserklärung der UNO 1948 (vor dem Hintergrund der Erfahrungen von Vertreibung und Flucht) „ ...die Freizügigkeit und das Recht der Rückkehr in die jeweils eigene Heimat“ und koppelte das „Heimatrecht an die Existenz und die Entscheidung der Person und nicht mehr an die besondere Rechtslage eines Ortes oder an das Vorhandensein von Besitz.“
Unsere regionale Ausstellungsreihe aktueller künstlerischer Fotografie ist vor allem vor diesem Hintergrund als politische Auseinandersetzung zu verstehen. Sie möchte sowohl technisch als auch thematisch Impulse geben, um den Kern gesellschaftspolitisch brisanter Probleme zu diskutieren. Die Vorstellungen, was Heimat und Identität für den Einzelnen bedeuten und wie sich uns dies jeweils eingeprägt hat, ist nicht zuletzt eng verbunden mit der Rezeption von Bildern. Die Technik der Fotografie spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn die Art und Weise, wie Vorstellungen und Denkmuster entstehen, wird maßgeblich durch die Visualisierung von Ideen und Idealen bestimmt. Dazu sagte die amerikanische Essayistin Susan Sontag: „Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt aneignen [...] Fotografische Bilder aber scheinen nicht so sehr Aussagen über die Welt, als vielmehr Bruchstücke der Welt zu sein: Miniaturen der Realität, die jedermann anfertigen und erwerben kann.“ Dieses Zitat macht deutlich, wie wichtig Bilder – insbesondere Fotografien – für unsere Wahrnehmung sind, dienen sie doch als vermeintlich objektive Abbilder des Gesehenen, als Beweise, als Projektionsflächen oder auch als Medium für Erinnerung. Hinzu kommt aktuell, dass wir diese (digitalen) Bilder heute günstig und massenweise selbst herstellen und manipulieren können. Wir sind damit direkt an ihrer Wirkung beteiligt.
Über Thema und Technik muss stärker diskutiert werden, um den Begriffen Identität und Heimat und der Wirksamkeit von Bildern kritisch reflektiert gegenüberstehen zu können. Um der darin manifesten Komplexität und ihrer Entschlüsselung näherzukommen, versucht „... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten“, mit den Ausstellungen, mit einem Kunstvermittlungsangebot vor allem für Kinder und Jugendliche und mit zwei Publikationen ein Angebot für ein Diskussionsforum zu schaffen. Die Kunst soll dabei Reibungsflächen bieten, um über die einzelnen Aspekte genauer nachzudenken und um sie besser zu verstehen. Das vorliegende Programmheft ist eine dieser Publikationen. Im ersten Teil wird der jeweilige Beitrag einer Mitgliedsstadt der KulturRegion Stuttgart ausführlich vorgestellt, im zweiten Teil folgt eine Übersicht aller Ausstellungen in der Region in Kurzform. Daneben wird ein Buch mit weiterführenden kunst- und kulturtheoretischen Aufsätzen erscheinen, beispielsweise zu Themen wie Konstruktion und historische Entwicklung des Begriffs Heimat, Fotografie und Erinnerung, Tourismus als Definitionsmacht von Heimatkulissen.
Die Kunstvermittlung des Projekts „... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten“ geht von einer gesellschaftsübergreifenden Publikumspolitik aus. Der Umgang mit den künstlerischen Arbeiten nutzt dabei die Tatsache, dass jede/r sowohl die Technik der Bildfindung – die (digitale) Fotografie – kennt als auch Erfahrungen mit den gesellschaftspolitisch zentralen Aspekten Globalisierung, Migration und Integration hat. Vor allem durch speziell ausgearbeitete Vermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche wollen wir mehr als eine bloße Wissensvermittlung anregen. Ziel ist hier die Motivierung zu kritischem Denken und das Verständnis von Lebenszusammenhängen.
Die Ausstellungsreihe des Projekts selbst ist durch die unterschiedlichen Beiträge naturgemäß heterogen. Stellt man sich die KulturRegion Stuttgart wie ein großes Haus vor, dann sind die Räume darin ihre Mitgliedsstädte. Entsprechend unterschiedlich sind die Aspekte des jeweiligen Themas „Heimat und Idendität“ in den voneinander getrennten Zimmern – wie zum Beispiel: Asylsuche, Krieg, Flucht und Fremde, Stadtplanung und Historie, Reise, Territorien, innere Emigration und Fragen zur Identität – ausgewählt. Jede Stadt ist dabei für die Inhalte ihrer Präsentation selbst verantwortlich und alle Beiträge lassen erst dann das gesamte Haus in seiner gedanklichen Vielfalt erkennen, wenn man mehrere dieser Räume besucht hat.
Die Fragen zu Heimat und Identität sind ein originäres Thema der KulturRegion Stuttgart. Deshalb soll sowohl für die BesucherInnen als auch für alle an der Ausstellungsreihe Beteiligten durch die Auseinandersetzung mit Kunstwerken eine kritische Reflexion des Heimatbegriffs in Verbindung mit dem Medium Fotografie angeregt werden. Ziel ist hier, festgefahrene Denkmuster zu lösen und den Blick zu öffnen für zukunftsfähige Modelle des Zusammenlebens.
In diesem Sinne wünschen wir allen BesucherInnen spannende, lebhafte Diskussionen und viel Vergnügen beim Betrachten der Fotografien!
Wiebke Trunk
Projektleiterin von „… und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten“
Karin Hanika
Geschäftsführerin der KulturRegion Stuttgart
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