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Wiebke Trunk
Einführung Eröffnung "... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten"
Freilichtmuseum Beuren,
24.6. 07
Sehr geehrte Gäste, liebe Kinder,
wir eröffnen hier im Freilichtmuseum in Beuren eine Ausstellungsreihe zeitgenössischer künstlerischer Fotografie – wie Sie Ihnen von Herrn Dr. Zieger dankenswerterweise gerade anhand einiger Beispiele erläutert wurde – und zwar ohne dass wir diese Bilder, die dort ausgestellt werden, direkt vor Augen hätten. Unser Treffen heute ist deshalb als Ausgangspunkt, als Anfang, als eine Position zu verstehen, die wir Ihnen vorschlagen, um Ihre Reise zu diesen Fotografien zu beginnen – genauer: nach Backnang, Böblingen, Dettenhausen, Ditzingen, Esslingen, Fellbach, Filderstadt, Gerlingen, Kirchheim unter Teck, Leinfelden-Echterdingen, Leonberg, Ludwigsburg, Ostfildern, Sindelfingen, Stuttgart, Tübingen und Waiblingen.
Das Ensemble aus Häusern hier im Freilichtmuseum – aus wieder aufgebauten Gebäuden aus umliegenden Gemeinden zusammengestellt – das Rathaus, das Fotoatelier, die Scheune hinter mir, das Backhaus, die Bauernhäuser und so fort – stehen dabei nicht in ihrer gewachsenen, sondern vielmehr in einer künstlich geschaffenen Form - symbolisch und abbildhaft – für die Frage nach Heimaten und Identitäten – dem Thema dieser Ausstellungsreihe. Dieser Ausgangspunkt ist also kein metropoler Ort, sondern eine vermeintlich echte Dorfstruktur, genauer: eine synthetisch angelegte kleine Gemeinde am Hang einer herrlichen Obstwiese.
Warum dieser ländlich verortete Anfang? Der Grund ist einfach: Wir wollten dahin, wo wir die Frage stellen können: Kann man Heimat inszenieren? Die KINDER DER SONNE würden die Frage mit einem sehr deutlichen JA beantworten – vermutlich im ¾-Takt. Allerdings ist diese Frage für eine Theatertruppe auch keine wirkliche Frage, da diese alles ins Szene setzt, was nicht niet- und nagelfest ist!
Vielleicht muss man die Frage deshalb ein wenig anders stellen, um ihrer Zweideutigkeit, ihrer Deutung besser auf die Spur zu kommen. Vielleicht so: Wie wird Heimat und Identität in Szene gesetzt – und wo und weshalb wird sie das überhaupt? Und natürlich: Wie unterscheidet sich eine Inszenierung vom nackten, vom wirklichen Leben, von einer realen existenziellen Situation? Die Frage ist schwierig zu beantworten, denn schließlich hängt das, was einem im Theater vorgespielt wird, direkt oder indirekt eng mit dem zusammen, was man aus dem Leben, aus dem Alltag kennt – genauer: die Rollen, die Vorgaben, die Erwartungen, die Kulissen sind ganz gut bekannt, in dieser Vereinbarung, die Theater heißt. Das, was dort gezeigt wird, kennt man nämlich sehr wohl aufgrund der täglichen Erfahrungen im realen Leben.
Die Identifizierung wird so möglich, die Lesart einer Geschichte, einer Szene kann damit stattfinden. Aber in Ansehung eines Theaterstücks hat man dann die Chance, es wiederholt zu sehen – es distanzierter zu sehen – mit Abstand und mit der Möglichkeit, nicht aktiv teilnehmen zu müssen, sondern möglicherweise Situationen zu beobachten.
Ähnlich verhält es sich nun mit unserer Entscheidung, den Start für das Ausstellungsprojekt „... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten“ hierher zu verlegen. Das, was Sie hier sehen, ist nämlich die Dokumentation von historischem Material, von analysierter, aufbereiteter Vergangenheit – und wir haben somit die Möglichkeit, über die Objekte und die Architektur vermittelt, auf etwas zurückzublicken, woran wir uns vielleicht erinnern, oder was uns durch irgendwelche Bilder und Vorstellungen, durch Alben und eingerahmte Fotografien vor Augen steht.
Und genau an dieser Stelle setzt unsere dezidiert hinweisende Geste ein – die da heißt: Das da ist es – diese Vorstellungen sind es, diese Erinnerungen, Eindrücke, Versatzstücke sind es, diese Unschärfen und bruchstückhaften Einblicke, diese vagen Gedanken und diese undeutlichen oder diese glasklaren Momente – kurz: Diese Bilder in unseren Vorstellungen sind es, weswegen wir Sie hierher gebeten haben. Denn es geht um das, was wir in unseren Köpfen tragen, wenn wir sehen – um die mehr oder weniger deutlichen Vorstellungen und um die persönlichen und kollektiven Erinnerungen und ihre Einschreibung dessen, was Heimat und Identität bedeuten könnte.
Eine spielerische Form dieser Erfahrung mag der ein oder die andere heute machen, wenn Sie sich anschauen, was wir tragen, wie wir gekleidet sind und welche Bilder beim Anblick im Spiegel oder auch in Ansehung der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner wahrgenommen werden können – das heißt: jemanden einordnen, bestimmen, registrieren und so fort. Die amerikanische Rhetorikprofessorin Kaja Silverman spricht hier etwa davon, dass „wir schon seit den Anfängen der Höhlenmalerei durch Bilder sehen und durch Bilder gesehen werden“.
Sie haben nun bereits gehört, dass die Fotografien in den Ausstellungen zahlreiche weiterführende thematische Ansätze bieten – Fragen der Asylsuche, der Reflexion der eigenen Lebenswelt, der Suche nach Identität, der Historie und ihrer Abstraktion und so fort – mir geht es nun darum zu verdeutlichen, dass wir alle, wenn wir direkt vor diesen Positionen aktueller Fotografie stehen, bereits mit einem umfänglichen Konstrukt an geistig und körperlich verankerten Bildern davor treten. Will heißen: Das, was wir dann sehen, ist immer schon und unausweichlich geprägt durch Wünsche, durch Erinnerungen, durch Ängste und Hoffnungen; durch das, was wir kennen und das, wovor wir uns fürchten; durch das, was wir sehen wollen und das, was wir verdrängen.
Jede Besucherin und jeder Besucher wird die ausgestellten Fotografien zum Thema damit anders lesen – anders verstehen und sich dementsprechend in unterschiedlichem Maße darauf einlassen.
Wodurch entstehen diese Vorstellungen/diese immateriellen Bilder in unserem Kopf – und sind sie immer gleich? Beispielsweise die von Heimat, von Identität, von Kindheit und anderen Anfängen und von Glückserfahrungen, Erschütterungen und Sehnsüchten? Ich schlage Ihnen hier folgende Antwort vor:
Diese Vorstellungen entstehen durch Prägungen in Momenten, in denen wir offen dafür sind, immer dann also, wenn wir Orientierungen aufnehmen können – beispielsweise als Kind oder, wenn wir unsicher sind, oder wenn wir Vertrauen haben in eine Situation. Die Resultate sind dann: Einschätzungen aufgrund von Erlebnissen und Erklärungen, die uns einleuchten, die wir verstehen, sichere Wertungen durch Vorbilder und vor allem durch die, in einem weiteren Schritt der Repräsentation, wiederholt sichtbaren Abbildungen. Das sind nur einige wenige Faktoren, die sich ereignen, wenn sich Muster der Handhabung des Sichtbaren bilden. Und diese Faktoren können sich teilweise verstärken, teilweise aber auch anpassen und verändern – ein gelinde gesagt vielschichtiger Bereich – diese Rezeption. Und sicher sind hier auch nicht die Menschen zu vergessen, die andere Möglichkeiten der Orientierung nutzen – wie etwa diejenigen, die kein Augenlicht besitzen. Gleichwohl gilt aber für alle Menschen das Anlegen von Strukturen aufgrund von Informationen und Erfahrungen, um sich zurechtzufinden und damit bestimmte Positionen einzunehmen, von denen aus alle weiteren Begegnungen bestimmt werden.
Wir sind – sprechen wir über Sehen, über Vorstellungen – im Bereich des Bewussten und des Unbewussten, aber auch in dem der Analyse der visuellen Kultur, der Soziologie, der Politik, der Rhetorik und so fort. Ein fachübergreifendes Thema also, das durch seine breite Anlage deutlich macht, dass nichts demnach vorbehaltlos gesehen oder gelesen, geschweige denn erkannt werden kann – und wir wären vollkommen verloren, hätten wir diese Vorstellungen nicht, hätten wir unsere jeweiligen Orientierungsmuster nicht.
Was heißt das aber nun für die Bilder unserer Ausstellungsreihe, die sich mit den Fragen territorialer Herrschaft, mit Gewalt und Gebietsansprüchen, mit der Suche nach Lebensraum, mit Architektur und Wohnraum, mit Problemen der Historie und ihrer Darstellung und mit der Frage: Wo lebe ich und welche Rolle spiele ich darin? auseinandersetzen.
Durch diese Fotografien werden uns differenzierte Denkweisen angeboten, die eine ganze Bandbreite an möglichen Antworten auf die Frage nach Identität anbieten und damit auch zahlreiche Formen der Identitätssuche verdeutlichen.
Diese Vielzahl macht deutlich, dass eine eindeutige Antwort nicht gegeben werden kann, dass wir heute – mit Heinrich Heine gesprochen – die Welt grüßen und nicht allein eine überschaubare Heimat. Das sind zwei – wenn auch durch ihre Gebundenheit am jeweiligen Menschen zusammenhängende – voneinander aber zu unterscheidende Richtungen.
Diese beiden Richtungen begründen sich durch die Herausforderungen unserer Zeit. Eingedenk der Auswirkungen einer ökonomisch grundlegend veränderten Welt sind dieselben sehr deutlich spürbar. Denn die Möglichkeiten, an einem Ort geboren zu werden, dort zu leben und auch dort zu sterben, sind so nicht mehr gegeben. Alle bewegen wir uns in stärkerem Maße, treffen verstärkt auf bislang weniger Bekanntes, setzen uns mit der Vielfalt von Kulturen auseinander, ebenso wie mit der Vielfalt an Sprachen und können uns dabei schwerlich auf unbeugsame Denkmuster oder einen starren Heimatbegriff zurückziehen, oder gar verlassen. Eine Vorstellung von Heimat, die dadurch, dass sie nur eine jeweilige mögliche Heimat als geltende Existenzberechtigung zulässt, können wir uns weder ethisch noch rational leisten. Eine solche eher romantisierende Auffassung von Heimat und Identität – die nicht zuletzt durch ihre ideologische Belastung fragwürdig und deshalb zu analysieren ist – birgt bis heute die Gefahr von Ausschlüssen. Gerade angesichts der Globalisierung und den damit verbundenen differenzierten Fragen zu Integration und kultureller Identität, wäre es deshalb absurd und fatal, eine ausschließlich traditionelle Ausrichtung dieser Begriffe aufrechtzuerhalten. Die Situation ist wesentlich komplizierter.
Denn Identität und Heimat sind vielmehr als eine jeweilige Konstruktion zu verstehen, die sich ständig verändern kann und somit als Prozess charakterisiert werden muss. Der Ethnologe Hermann Bausinger – den Sie alle in diesem Zusammenhang sicher gut kennen – hatte dies bereits 1979 in dem Gedanken, dass Heimat als „Lebensmöglichkeit und nicht als Herkunftsnachweis“ zu begreifen sei, zusammengefasst. Dementsprechend hatte die Menschenrechtserklärung der UNO schon 1948 (vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit Vertreibung und Flucht) „... die Freizügigkeit und das Recht der Rückkehr in die jeweils eigene Heimat“ gefordert und koppelte dies an das „Heimatrecht“ beziehungsweise „an die Existenz und die Entscheidung der Person und nicht mehr an die besondere Rechtslage eines Ortes oder an das Vorhandensein von Besitz.“
Wie nun dieses Recht auch tatsächlich anwenden, wie den freiwilligen oder erzwungenermaßen getroffenen Entscheidungen von Menschen und Familien gerecht werden? Sie wissen alle, dass die Handhabung dieser Frage zuallererst im Kopf beginnt und dass darauf dann politische und juristische Maßnahmen folgen. Anforderungen, deren Umsetzung genau an der Stelle entschieden wird, wo Bilder und Vorstellungen bestimmen.
Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sind hier nach meiner Erfahrung eine wundervolle Möglichkeit, um in einem unangetasteten Freiraum nachzudenken und sich furchtlos der Revision von Weltbildern hinzugeben, Fragen zu stellen und Zweifel anzumelden an bestehenden und wiederholtermaßen formulierten Bildern. Denn die gibt es zuhauf. Und gerade die digitale Technik macht es notwendig, herauszutreten aus einer bloßen Konsumhaltung etwa gegenüber Bildern aus Werbung, Medien und Politik. Die Probleme, denen wir uns hier stellen müssen, sind zu komplex, um behaupten zu können, man würde einfache Lösungen kennen oder könnte die Zusammenhänge von Vorstellungen, die der eigenen Rolle, die der Politik und die jeweiliger Machtgefüge darin, so ohne Weiteres durchschauen.
Ich plädiere deshalb dafür, durch das Studium der Fotografien den anderen Bildern auf die Spur zu kommen und die vermeintlich sichere Vorstellung dessen, was nun eigentlich Identität und Heimat ist, durch die Kunstwerke zu befragen. Die Offerte an materialen Bildern bietet die Möglichkeit, sich mit Vergnügen Unerwartetem, Überraschendem hinzugeben, um schließlich und hoffentlich die Diskussion aufzunehmen und Meinungen, möglicherweise auch und gerne wütend oder gefällig, neugierig und kritisch mitzuteilen. Das Forum für diese Diskussion ist mit den zahlreichen Ausstellungen geschaffen und wir laden Sie herzlich ein, daran teilzunehmen.
Das Ausstellungsprojekt „... und grüßen Sie mir die Welt / fotografierte Heimaten“ ist mit diesen 23 Ausstellungen natürlich ausgesprochen heterogen und die jeweiligen Präsentationen und die sie begleitenden Veranstaltungen lassen erst dann das gesamte Projekt in seiner Vielfalt erkennen, wenn man sich – und dies ist mein persönlicher Rat – mehrere dieser Ausstellungen angeschaut hat. Erst dann wird nämlich deutlich werden können, dass der programmatische Fächer der Konzeption auf ganz unterschiedliche Weise realisiert worden ist. Diese Vielzahl an Ansätzen für Antworten formulieren in ihrer Diversität die Hoffnung, dass sie nebeneinander existierend in gegenseitigem Respekt gelebt werden können.
Am Ende meiner Ausführungen möchte ich mich noch bedanken – denn Sie können sich denken, dass der Projektumfang einiges an gemeinsamer Gedankenarbeit, Kommunikation, Organisation und vor allem an gegenseitigem Vertrauen erfordert hat –
und vor allem dafür möchte ich mich zunächst bei allen Mitgliedsstädten und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken,
mein Dank gilt weiter der KulturRegion Stuttgart und hier vor allem dem Team der Geschäftsstelle:
allen voran der Geschäftsführerin Frau Karin Hanika für ihren klugen Geist, ihre Erfahrung und ihre Präzision
Frau Barbara Mannes für ihr kundiges Auge und ihr Wachen über unumstößliche grammatikalische Regeln der deutschen Sprache
Frau Svetlana Acević, Frau Sabina Husičić und Frau Sabine Palm für ihre Zuverlässigkeit und ihre Geduld im Umgang mit meiner Chaotik ...
Herrn Jürgen Palmer von palmer projekt danke ich für seine inhaltlich anspruchsvolle und ästhetisch gleichzeitig wundervoll gelungene grafische Konzeption des Programmheftes, das man uns bereits jetzt aus den Händen reißt ...
Und ganz herzlich danke ich auch dem Verband Region Stuttgart und der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg für die großzügige finanzielle Unterstützung.
Ihnen allen danke ich von Herzen für Ihr Vertrauen und für Ihre Arbeit.
Frau Cornelius, der Leiterin des Freilichtmuseums danke ich besonders für das Hier-sein-dürfen – und das herrliche Wetter – und den KINDERN DER SONNE für ihr Uns-lachen-machen!
Und Ihnen, verehrte Gäste, wünsche ich nun vor allem eine angenehme Zeit heute im Freilichtmuseum, anregendes Bilderschauen und fruchtbare Gespräche.
Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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