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| Dokumentation | // Impulsreferat 2 Schritte hin zu einer neuen Inter-Kultur-Politik Dr. Dorothea Kolland, Leiterin des Kulturamts Berlin Neukölln 1. Akzeptanz von Tatsachen: Einwanderungsland Deutschland Zwar ist es immer noch nicht gelungen, die gesetzlichen Grundlagen für die Tatsache „Deutschland als Einwanderungsland“ zu schaffen die Realität insbesondere in den multiethnischen Metropolen schert sich nicht darum und fordert gerade von Kulturpolitik die Akzeptanz kultureller Diversität und beschenkt uns zugleich mit deren Reichtum. Sie fordert ein Miteinander-Umgehen in Augenhöhe, Respekt vor der Differenz und Mut zum gemeinsamen Beschreiten neuer Wege. Dies setzt eine endgültige, sehr bewusste Verabschiedung von „Ausländer“-Philosophien und Leitkultur-Phantasien voraus. Insbesondere in den Kommunen werden durch die Entwicklung von Kooperationssystemen, die Wahrung von Distanz und wechselseitige Einmischung zugleich bieten müssen, Wege in die Zukunft einer partnerschaftlichen Inter-Kultur-Politik gefunden werden müssen. 2. Neue Fokussierung von Kulturpolitik auf den Aspekt der Teilhabe an Kultur „Social inclusion“ Kulturpolitik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene darf sich nicht darauf zurückziehen, über die Daseinsfürsorge der Kulturleuchttürme und die Bewahrung des kulturellen Erbes nachzudenken, sondern auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren, insbesondere auf die Marginalisierung vieler Gruppen von Menschen nicht zuletzt aufgrund von Armut, aufgrund anderer Lebensentwürfe ob erzwungen oder freiwillig, und natürlich auf die Folgen der Migration, die Bevölkerungsstrukturen erheblich verändert haben, zumal in den Ballungsräumen. __ Konsequenz aus der Endlichkeit der Ressourcen und der Einsicht in neue Aufgabenfelder muss sein: Schwerpunkte sind zu setzen andere als bislang, und bisherige Geldflüsse sind umzulenken. Die Suche nach Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, unserer Städte ist ein großes gemeinsames Thema und diese Zukunftsfähigkeit hängt in hohem Maße davon ab, wie man mit dem Schatz der kulturellen Diversität umgeht, und wie mit denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Die Möglichkeit von Zukunft entscheidet sich dort, wo ihre Risiken liegen. Die Entfaltung der sozialen Kräfte von Kunst und Kultur muss verstanden und als Zukunftsinvestitition für das Gemeinwesen gefördert werden: Kunst als Stadtermutigung. Da soziale Randständigkeit, multiethnische Prägung und Verfall des Wohnquartiers oft eine unheilige Allianz miteinander eingehen, die Zukunft erschwert, müssen Schwerpunkte gesetzt werden nicht dort, wo es Reichtum zu erhalten gilt, sondern da, wo Armut und Verfall aufzuhalten ist: „Social inclusion“ muss in Deutschland auch (kultur-)politisches Konzept werden. 3. Eine Aufgabe für das Ressort Kunst & Kultur Die kulturellen Prozesse und die Förderung künstlerischer Produktion im inter-kulturellen Kulturpolitik sind ganz eindeutig dem Ressort Kunst & Kultur zuzuordnen und nicht bei dem Migrations- oder Ausländerbeauftragten (nein, sie sind noch nicht ausgestorben!) abzugeben. Gedacht ist allerdings an ein Ressort, das bereit ist, den Elfenbeinturm der reinen Kunst und Hochkultur zu verlassen. Migranten trifft die arrogante Exklusivität deutscher Kulturpolitik besonders hart, denn sie sind meist diejenigen, die draußen bleiben. Dies monierte Bundeskulturministerin Christina Weiss: Es sei dringend notwendig, die multiethnische Kunst und Kultur von den Rändern weg ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, sie nicht unter Sozial- oder Gemeinwesenarbeit oder höchstens noch unter Soziokultur abzuheften, sondern dort, wo sie ihrer Qualität nach hingehört, nämlich als Ressortaufgabe Kunst & Kultur auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Daraus sind bislang nur sehr wenige Taten gefolgt, es gilt, sie einzufordern und in neue Kulturpolitik, die den sozialen Unebenheiten der Gesellschaft Rechnung trägt, umzusetzen. 4. Schaffung geeigneter Förderinstrumente Die eingefahrenen Kulturförderinstrumente greifen im Regelfall für die Förderung von interkultureller, multiethnischer Kulturarbeit zu kurz, daneben oder sind schlichtweg ungeeignet. Sie zu entwickeln muss eine vordringliche Aufgabe sein sowohl der Kulturpolitik, der Kulturverwaltung wie auch derjenigen, die Förderung brauchen. 1. Im multiethnischen Bereich ist oft Beratung und Information die notwendigste Förderung: Beratung über Räume, Kooperationspartner, Kenntnis über Qualifizierungsmöglichkeiten, Umgang mit Verwaltungsvorschriften und im Verwaltungsdschungel, juristische Tipps, Information über Geldaquisemöglichkeiten, Hilfe bei Antragstellungen etc. Ein Cultural Contact Point für Interkultur sollte in jedem Ballungsraum, in jeder Großstadt vorhanden sein. Gute Beratung spart nicht unerheblich finanzielle Unterstützung, weil oft Geld in Unkenntnis vorhandener Möglichkeiten ausgegeben wird. 2. Wenn den ethnischen Communities eine wichtige Funktion im Rahmen eines partnerschaftlichen Umgang pflegenden Gemeinwesens eingeräumt wird, ist eine finanzielle Förderung insbesondere der kulturellen Community-Projekte eine notwendige Folge. Bei aller Herausforderung von Innovation sollten die Bemühungen um Bewahren der eigenen Kulturtraditionen nicht vernachlässigt werden, sie stellen bei vielen Migranten immer noch das Sicherungsnetz dar. Das Errichten eines Fonds für „Community Kultur“ kann jedoch keinesfalls heißen, dass jeder (oft nur so genannte) „Kulturverein“ eine institutionelle Förderung erhält. Das ist nicht leistbar, und würde auch eine Besserstellung den Vereinen der „Aborigines“ gegenüber bedeuten. Bürgerschaftliches Engagement, Ehrenamtliche Arbeit ist eine zunehmend wichtige Säule unseres Gemeinwesens, im Übrigen in den Communities stärker ausgeprägt als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Dieser Fonds muss in jeder multiethnisch geprägten Kommune vorhanden sein, er sollte auch kommunal in Großstädten möglicherweise sogar bezirklich betreut werden. Die Vergabeentscheidungen sollten aber in ganz hohem Maße in die Hände der Communities gelegt werden; ebenso sollte ein Benchmarking-System entwickelt werden, das für alle einsehbar und offen ist. Hier muss das Zulassen und Entwickeln von Partizipation Pflichtaufgabe werden. 3. Eine dringend zu entwickelnde Förderungsebene ist die der Qualifizierungsmöglichkeiten. Vorhandene Potentiale gilt es zu entwickeln, weitere Qualifikation anzubieten, Begegnungen mit anderen zu befördern, Wege der Professionalisierung zu suchen helfen. Das Verhältnis zwischen den Kulturstrukturen der Mehrheitsgesellschaft, den öffentlichen wie den privaten, und den Migranten sollte genau hier nicht durch einander in Ruhe lassen geprägt sein, sondern durch gegenseitige Herausforderung. Qualifizierungsmöglichkeiten sind gerade an den Schnittpunkten Amateur/Semiprofi/Profi von großer Bedeutung. Vor dem Zugang zu den traditionellen deutschen Bildungs- und Weiterbildungsinstitutionen türmen sich meist hohe Barrieren sozialer Natur auf, die durchaus nicht nur mit Geld zu tun haben. Volkshochschulen wie Musikschulen sind in ihrem normalen Programm nur sehr eingeschränkt in der Lage, auf die besonderen Interessen der Migranten einzugehen. Schulische wie außerschulische kulturelle Bildung wird diesen besonderen Qualifikationsanforderungen noch keineswegs gerecht. __ Fast nicht gangbar auch für hier aufgewachsene Migranten ist der Weg ins professionelle Lager, insbesondere der über die Kunsthochschulen. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund bleiben bei aller Lust auf künstlerische Arbeit in den Fallstricken unserer Bildungspolitik stecken und können nicht die Qualitäten entwickeln, die ihnen vielleicht möglich wären. __ Dringend notwendig wären spezielle Stipendien- und Kursangebote doch zunächst müsste sich die Notwendigkeit spezieller Förderstrategien durchgesetzt haben. 4. Zu schaffen ist ein Experimentierfonds, der insbesondere innovative Projekte ermöglicht, die mit dem Zusammenleben der Kulturen unter Beachtung kultureller Diversität experimentieren und besondere Impulse provozieren. Ein Schwerpunkt sollte einerseits auf Projekten der 2. und 3.Generation liegen und hybride Entwicklungen beobachten, andererseits künstlerische Projekte multikulturell geprägter Künstlerpersönlichkeiten und teams ermöglichen. Dieser Fonds könnte auf Landes- oder sogar Bundesebene angesiedelt sein. Er ist angesichts der zu lösenden Aufgaben, aber auch der hier liegenden Chancen unabdingbar, denn hier könnte Zukunft erforscht und erprobt werden. Bereits heute zeichnet sich ab, dass sich auf einer solchen Plattform nicht nur avantgardistische, experimentelle hybride Kunst und Kultur entwickelt wird, sondern auch „hybrid identities“ Entwicklungsmöglichkeiten finden als notwendige Elemente eines friedlichen Globalisierungsprozess. Die neue „urban culture“, die sich in vielen europäischen Metropolen herausbildet, macht diesen Prozess deutlich, der sowohl eine Begegnung vieler Kulturen wie auch von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft ermöglicht Voraussetzung für Modernität und Zukunft. 5. Last but not least muss selbstverständlich dafür gesorgt werden, dass die vorhandenen Förderfonds, die fast ausschließlich für den Bereich der so genannten Hochkultur zur Verfügung stehen, für interkulturelle Kunstprojekte und für KünstlerInnen mit Migrationshintergrund zur Verfügung stehen. Ein für die Zielgruppe Multiethnie definierter Fördertopf ist kein geeignetes Instrument für Künstlerförderung. Es kann keine Sonderförderungen für KünstlerInnen nicht-deutscher Herkunft geben, weil sie nicht-deutscher Herkunft sind: Dies führt zu einer Förderung 2.Klasse, und dies wurde gerade von den gemeinten KünstlerInnenn vehement abgelehnt. Es gibt zahlreiche Kunst-Förderprogramme immer noch viel zu wenig -, die dies muss fairerweise gesagt sein allen, die hierzulande Kunst produzieren, offen stehen, zumindest theoretisch. Die Praxis zeigt jedoch, dass internationale Projekte, hybride Experimente auch „hybrid personalities“ in den Juries erfordern. 6. Es ist selbstverständlich, dass ein sorgfältiges Qualitätsmanagement all diese Förderungsfonds begleiten muss. __ Spannend aber und vermutlich sehr ernüchternd für die Kulturinstitutionen der Mehrheitsgesellschaft wäre es, Querschnitts-Benchmarking durch alle öffentlichen Kunst- und Kulturförderungen laufen zu lassen: In wiefern und wie reagieren die Kultureinrichtungen auf die multikulturelle Gesellschaft? Wie halten sie es mit der Kontextualität von deren Beachtung beeindruckend aus Rotterdam berichtet. Damit ist die konkrete Beziehung gemeint, in der ein Kunstprojekt zu seiner Umgebung steht, als Berücksichtigung der demographische Realität in der multikulturellen urbanen Gesellschaft wie auch als aktiv in die Lebensbedingungen von Menschen eingreifend nach dem Motto: Kulturkapital erzeugt Sozialkapital oder Kultur verleiht ihrer Umgebung Stärke. __ Ein derartiges Kriterium als Maßstab an die deutsche Kunst- und Kulturförderung angelegt hätte insbesondere im Bereich der Hochkultur ein niederschmetterndes Ergebnis aber es wäre ausgesprochen wirkungsvoll, wenn damit finanzielle Einbußen oder Belohnungen verbunden wären... 6. Der notwendige Paradigmenwechsel: Migration als Lust und Bereicherung, nicht als Last einer Gesellschaft Eine grundsätzliche Veränderung sowohl der Kulturpolitik wie auch der Kulturförderungsstrukturen im Bereich der multiethnischen Kultur wie der Kunst der Menschen mit Migrationshintergrund beides ist nicht unbedingt identisch setzt jedoch voraus, dass sich die Haltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft Migration und Migranten gegenüber grundsätzlich verändert. Kultur birgt die Chance eines Paradigmenwechsels: von der Last zur Lust. Die Möglichkeit, Weltkultur und Weltkulturen zu entdecken und wahrzunehmen, wird als großer Gewinn von Globalisierung geschätzt. Die „lokale Globalisierung“, das alltägliche Zusammenleben vieler Kulturen wird jedoch als gesellschaftliche Last und „Ausländerproblem“ erlebt oft nicht ohne Grund. So entsteht die absurde Situation, dass die Differenzen zwischen den Kulturen, die cultural diversity, die Vielfalt der Weltkünste zwar mit Spannung und Neugier genossen werden, die kulturellen Differenzen in der Nachbarschaft aber erlitten werden. Das Analysieren der Differenz, das Begreifen ihrer Verankerung in unterschiedlichen Werte- und Kultursystemen und die durch Vertrautwerden wachsende Bereitschaft zum Genießen des Anderen kann aus der Last Lust werden lassen und zu einem gesellschaftlichen Zukunftskern werden. Entgegen der oft suggerierten Angst vor der Zerstörung oder „Zersetzung“ hiesiger „Leitkultur“ wird die Pluralität kultureller Impulse die „einheimische“ Kultur nicht aus ihren über Hunderte von Jahren angelegten Spuren werfen. Es werden aber neue ästhetische, normative und ethische Vorstellungen hinzukommen, die aufgenommen, reflektiert, be- und verarbeitet werden wollen und in Korrespondenz stehen zu einer „identité bricollage“. Und: Dieser Prozess ist eine Notwendigkeit in einem multiethnischen Kooperationssystem, sei es der Kollegenkreis eines Unternehmens oder der Kiez. Er wird sich vollziehen, ob dies gewünscht wird oder nicht fragt sich nur, ob kreativ oder zerstörerisch. Der Paradigmenwechsel von der Last zur Lust könnte Angst zu Neugier werden lassen. Ihn gilt es zu befördern, positive Ansätze zu belohnen sowie reale Barrieren ernst zu nehmen und an ihrer Demontage zu arbeiten. Stand 22. Juni 2004 |
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