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  Dokumentation // Workshop 1

Werkstatt der Kulturen, Berlin
Andreas Freudenberg


Die Werkstatt der Kulturen engagiert sich für eine zeitgemäße urbane Kultur, die inhaltlich und ästhetisch den gesellschaftlichen Wandel durch Migration und durch die Internationalisierung der Kommunikations- und Warenströme reflektiert und Menschen mit Migrationshintergrund bzw. aus kulturell hybriden Lebenszusammenhängen Angebote der kulturellen Partizipation eröffnet. In der Überzeugung, dass Migration im Prozess der Integration beide Seiten verändert, die der zugewanderten wie die der autochthonen Bevölkerungsgruppen, versteht sich die Werkstatt der Kulturen als Plattform für kulturelle, für ästhetische Diversität in den lokalen Zusammenhängen, als Produktionsort von neuen Bildern, Klängen, Bewegungen, die aus der interkulturellen künstlerischen Zusammenarbeit hervorgehen, als Labor für Zukunftskultur (nicht Avantgarde).

Seit ihrer Gründung 1993 ist die Werkstatt der Kulturen daraufhin orientiert gewesen, nicht nur für das eigene Haus zu arbeiten, sondern auch für die Stadt Berlin. Es war wichtig nicht nur die Veranstaltungen im Haus zu machen, sondern auch nach außen zu agieren und die Veranstaltungen an anderen Orten und in Kooperation mit anderen Partnern zu realisieren. Daher kam auch der Gedanke das große Projekt, den Karneval der Kulturen, zu entwickeln, weil dies die Möglichkeit anbot, auf der größten Bühne zu spielen und den öffentlichen Raum für diese andere Art der Kultur in Anspruch zu nehmen. Dadurch konnte man auch der Gefahr entgehen als solches Institut zu einer Art Spezialeinrichtung für das Interkulturelle verstanden zu werden, in dem sich dann das Spezialpublikum mit den Spezialkünstlern treffen kann.
__ Im Grunde genommen geht es um die Frage, wie man kulturelle Diversität organisieren kann, wie man den Raum in der Stadt für kulturelle Diversität schaffen kann. Es ist eine Art Managementprozess für kulturelle Diversität zwischen zwei Polen, die möglicherweise beide nicht befriedigend sein können, zwischen Exotismus und zwischen einer Kunst globaler Nivellierung, globaler Angleichung.

Die Werkstatt der Kulturen funktioniert nur auf der Basis von Dialog und Kooperation und zwar auf einer Seite mit einer Fülle von Vereinen (pro Jahr etwa 50 verschiedene Nationalitäten und kulturelle Gruppierungen sind im Haus) und auf der anderen Seite mit einer Fülle von Veranstaltungen und Veranstaltern in Berlin, die parallel zur Werkstatt arbeiten. Damit versteht sie sich als eine Einrichtung, die mit vielen anderen Einrichtungen vernetzt ist und die in diesem Netzwerk bestimmte Form von Projekten zu realisieren versucht.

Die Werkstatt der Kulturen sieht sich darüber hinaus als ein Forum der multikulturellen Bürgergesellschaft, weil sie aus der gegebenen Situation heraus auch die demokratische Kultur als ein gemeinsames Zukunftsprojekt voranbringen will. Jede Generation hat die Demokratie neu zu erarbeiten, die wiederum nur aus einem Dialog, der die unterschiedlichen Positionen von diversen Kulturen zur Grundlage hat, herauszuentwickeln ist. Ansonsten bleiben aus dem demokratischen Prozess bestimmte Gruppierungen möglicherweise ausgegrenzt und nicht gehört. Die Demokratie ist eine Kultur des Hörens und des Aufnehmens, sie ist eine Kultur, die Partizipationsmöglichkeiten und Einflussnahmen organisieren muss. Insofern ist die Werkstatt der Kulturen ein Ort, in dem die Partizipation, die Einflussnahme und die eigene Stimme hörbar gemacht werden kann.

Die Werkstatt der Kulturen ist ein Lernort für interreligiöse Beziehungen. In Bezug darauf hat man ein weiteres großes Projekt entwickelt, die so genannte Werkstatt Religionen und Weltanschauungen, in der Menschen unterschiedlichen Glaubens und Überzeugungen arbeiten, gemeinsam ein Jahresthema entwickeln und darin den Umgang mit kultureller Diversität, mit Distanzen, mit Widersprüchlichkeiten und mit Konfliktpotenzial erarbeiten. Denn Tatsache ist, dass sich Religionen gegeneinander positionieren, sich von einander abgrenzen. Es wird nicht gelingen religiöse Identitäten aufzulösen, denn über sie werden auch gesellschaftlich-politisch scharfe Abgrenzungen formuliert. Damit muss man umgehen und eine Kultur des Dialogs entwickeln.

Die Werkstatt der Kulturen ist eine experimentelle Bühne für interkulturelle oder transkulturelle Kunst. Sie befindet sich noch am Anfang einer neuen Art des Experimentierens und des Lernens, wie man mit der Vielsprachigkeit, die uns die Weltkultur anbietet, tatsächlich fruchtbar, interessant, spielend umgehen kann. Sie versteht sich als eine Art Labor für die Zukunftskultur, die das ganze Spektrum verfügbarer kultureller Traditionen einschließt. Dabei nehmen die Einflüsse außereuropäischer Kulturen deutlich zu, denn es geht darum eine Art Rollback zu organisieren. Die europäische Kultur wurde über Kolonialismus, Imperialismus in die ganze Welt expandiert und jetzt kommt eine andere Kultur zurück und zwar mit Menschen, die die Kompetenz in europäischer Kultur während eines langen schmerzhaften Prozesses aufgenommen haben. In europäisches Denken und in die europäische Kultur sind sie zum Teil über ihre eigenen nationalen Bildungssysteme eingeführt worden. Sie haben viel gelernt und kennen unsere großen Namen. Wir haben wiederum das umgekehrte Problem, dass uns in dieser Hinsicht noch viel Kompetenz für die außereuropäischen Kulturen fehlt. Die Migration und die Globalisierungsprozesse bieten gerade die Möglichkeit an, an einer anderen Zukunftskultur gemeinsam zu arbeiten.


Stand 22. Juni 2004
 
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