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  Dokumentation // Zusammenfassung und Abschlussdiskussion

Zusammenfassung der Tagungsergebnisse
Dr. Hildegard Kurt, Kulturwissenschaftlerin, Berlin

In den Vorträgen und den Workshops der Tagung hat man eine sehr intensive Zusammenarbeit und einen guten Austausch erlebt. Es gab hier eine spezifische Balance zwischen einer absolut qualifizierten praktischen Tätigkeit und auf der anderen Seite einer subtilen Offenheit für Reflexion und Vision. Eine solche Balance erleben wir selten, wir haben meistens einerseits die Praktiker unter sich und andererseits die Theoretiker. Wenn wir hier beides hatten, dann ist das eine sehr kostbare Ressource, mit der wir sehr achtsam umgehen sollten.

Stuttgart ist inzwischen ein Zentrum für interkulturelle, transkulturelle Kulturarbeit geworden, doch wir befinden uns insgesamt in der Bundesrepublik im Augenblick an einer Schwelle. Auf der einen Seite verschlechtern sich die Rahmenbedingungen, auf der anderen Seite gibt es ganz gegenläufige Entwicklungen. Zu diesem werden im Folgenden einige zentrale Thesen benannt, mit denen wir uns zukünftig weiter befassen wollen, und zwar immer ausgehend von der Praxis.


1. Die Haltung der Offenheit und des Experimentierens

Um heute mit der (inter)kulturellen Arbeit voranzukommen, ist es sehr wichtig sich bewusst zu machen, dass dort wo überkommene Strukturen zusammenbrechen, der Freiraum für neues groß ist und die Haltung, die es dazu einzunehmen gilt, ist die des Experimentierens und der Offenheit. Man muss sich daran gewöhnen und sich damit anfreunden, dass wir in einer Zeit des Experimentierens leben. Das gemeinsame Suchen, das gemeinsame Forschen, Fragen und Experimentieren ist eine ganz zentrale Ressource für die zukunftsfähige Kulturarbeit. Dieses haben wir auch in den hier vorgestellten Projekten wie z.B. Moving Cultures (Inter-Kultur-Büro, Nürnberg) oder bei dem Karneval der Kulturen (Werkstatt der Kulturen, Berlin) erfahren. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass die Offenheit heute dreifach zu verstehen ist. Erstens ist es die Offenheit zur Mehrheitsgesellschaft. Es wichtig den ganzen Bereich der Interkulturarbeit zur Mehrheitsgesellschaft hin zu öffnen und die vorhandene Dichotomie, die Trennung von Interkultur auf der einen Seite und der Mehrheitskultur auf der anderen Seite zu überwinden.
__ Zweitens brauchen die Minderheitengesellschaften eine Offenheit nach innen. In dem Workshop von Gule Iletmis (DAB) war zu hören, dass die Vereine und das Vereinswesen sich dringend weiter entwickeln müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Das heißt, die Offenheit nach innen in die Minderheitengesellschaften hinein wird benötigt.
__ Drittens brauchen wir eine Offenheit in Bezug auf die kulturellen und künstlerischen Formen selbst, die weiter gemeinsam zu entwickeln wären. Wenn wir die Idee der Versuchsanordnung, des Labors, der Werkstatt, des Experimentierens anerkennen, so wird die Kommune ein Lernort für alle, an dem dazu motiviert wird, sich gegenseitig zu inspirieren, zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass die Vorstellung von der Kommune als Lernort für alle BewohnerInnen im Allgemeinen bedeutet, dass sie die Demokratie weiter entwickeln. Denn die Demokratie muss über die Generationen hinweg immer wieder neu erfunden, neu mit Leben, Bildern, Visionen und mit Umgangsformen belebt werden. Eine zukunftsfähige Weltkulturarbeit wäre damit ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Demokratie und zur Weiterentwicklung der sich herausbildenden Weltgesellschaft in der Kommune. Die Prinzipien, auf denen diese Weiterentwicklung bauen muss, sind der Dialog, die Kooperation, die Qualität und die Vernetzung.


2. Qualität

Die (inter)kulturelle Arbeit, die wir leisten, darf niemals billig sein: weder ideell noch qualitativ, noch ästhetisch oder künstlerisch. Die Qualität muss in den Mittelpunkt gestellt werden, was gleichzeitig eine stete Kompetenzentwicklung bedeutet. In einigen Workshops hat man gesehen, dass dieses Qualitätsbewusstsein erst herausgebildet werden muss, da hier große Defizite bestehen. So fehlen z.B. in Bezug auf die Weltmusik die Grundlagen, um Qualität überhaupt beurteilen zu können, was in den Workshops von Birgit Ellinghaus (albakultur) und von Peter Schneckmann (Brotfabrik) dargestellt wurde. Ein Gespür für Qualität will geschult und geübt sein.


3. Zum Kulturbegriff

Der geltende Kulturbegriff muss hinterfragt und erweitert werden. Noch immer fließen 90% der Gelder in die Hochkultur, und nach wie vor ist es nicht gelungen die Stätten der Hochkultur zu infiltrieren. Wir brauchen einen Kulturbegriff, der nicht mehr exklusiv sondern inklusiv ist, der nicht mehr ausschließt, sondern einschließt und der offen genug ist, um die vielfältigen Vernetzungen unserer Gesellschaft zu fördern und dabei die nötigen Veränderungsprozesse anzuregen.


4. Förderkriterien

Die Förderkriterien müssen geschärft, überdacht und weiter entwickelt werden. Obwohl eine finanzielle Förderung wichtig ist, bedeutet Förderung selbst viel mehr. Es soll darauf geachtet werden, mit welchen Konzepten und Ideen man an die Dinge herangeht, dass Gleichberechtigung geübt wird und kooperative Kulturarbeit auf gleicher Augenhöhe stattfindet. Es soll nicht über Minderheiten gesprochen und gearbeitet werden, sondern die Minderheiten sollen sich selber repräsentieren. Ein Problem bleibt noch immer die Frage, ob separate „Fördertöpfe“ eingerichtet werden sollen oder nicht, was ein Thema der weiteren Arbeit bleiben wird.


5. Paradigmenwechsel

Es geht darum die ganze (Inter)kulturarbeit umzudefinieren, neu zu erfinden und von der Last zur Lust überzugehen. Es soll erkennbar gemacht werden, dass Vielfalt, Grenzüberschreitungen und ästhetische kulturelle Innovationen Reichtum, einen Gewinn darstellen. Keine Gesellschaft kann ohne diese Offenheit für Innovationen, auch für ästhetisch-kulturelle Innovationen überleben, geschweige denn zukunftsfähig sein. Auch Wirtschaft und Wissenschaft sind elementar auf diese geistige Offenheit und Innovationskraft angewiesen. Das bedeutet, zum einen muss das Thema völlig neu als Chance für die Gesellschaft, zukunftsfähig und weltoffen zu werden, diskutiert werden. Zweitens, muss man versuchen, von ethnisch getrennten interkulturellen Ansätzen wegzukommen und mehr zu Gestaltungsformen zu gelangen, die transnational und transkulturell angelegt sind und die der kulturellen Diversität unserer Gesellschaft gerecht werden. Drittens, scheint das Interesse an den Themen Migration und Interkultur in der Gesellschaft abzunehmen, während sich gleichzeitig die Probleme immer höher türmen, wie z.B. die Bildungssituation in den Schulen oder die Arbeitslosigkeit unter Migranten. Die bundesrepublikanische Gesellschaft ignoriert die Tatsache, dass hier ein Problemfeld vorliegt, das in kürzerer Zeit sehr katastrophale Folgen haben wird, wenn man es nicht sehr bewusst und mit neuem Denken angeht.
__ Laut Oliver Scheytt, dem Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft, ist Interkulturarbeit eine nationale Aufgabe. Erst allmählich beginnt die Politik zu erkennen, dass aufgrund der demographischen Entwicklungen das Land weiterhin auf die Zuwanderung angewiesen bleiben wird. Gleichzeitig sind wir in Deutschland im Wettbewerb der Wissensgesellschaften darauf angewiesen, unsere Kinder und jungen Leute zu kompetenten, qualifizierten Personen und Persönlichkeiten auszubilden. Damit sind wir möglicherweise an einen Punkt angelangt, an dem sich einerseits die Verhältnisse krisenhaft verhärten, wir aber vielleicht gleichzeitig einen Quantensprung schaffen und einen neuen Diskurs, ein neues Denken zum Thema in Gang bringen können. Dazu bedarf es geschickter Lobbyarbeit, Zusammenarbeit und Förderung durch Vernetzung.


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Abschlussdiskussion

Dr. Hildegard Kurt, Berlin / Andreas Freudenberg, Werkstatt der Kulturen, Berlin / Jürgen Markwirth, Inter-Kultur-Büro, Nürnberg / Dr. Peter Stapelberg, Leiter des Fachbereichs Bildung, Kultur, Sport, Soziale Lebenswelten, Stadt Ostfildern / Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Landeshauptstadt Stuttgart


/ Wo sehen Sie in Ihrem Feld neue Strategien der Interkulturarbeit, von denen Sie meinen, dass diese heute hier gemeinsam noch diskutiert werden sollten?

Gari Pavkovic
Eine wichtige Frage, mit der man sich in der Zukunft auseinandersetzen sollte, ist die Rolle der Migranten-Kulturvereine in der Integrationsarbeit. Diese Vereine haben bis jetzt als Bewahrer, als Pfleger ihrer Herkunftskultur, und als Identitätsstifter gearbeitet. Daraus hat sich eine sehr breit gefächerte interkulturelle Arbeit entwickelt, die aber immer auf eine bestimmte Gruppe sich bezog und natürlich offen für alle war. Diese Kulturarbeit wurde im bestimmten Umfang von der Stadt Stuttgart gefördert. Doch neu ist die Frage, welchen Stellenwert diese Vereine in der Integrationsarbeit haben. Wie kann durch die kulturelle Integration der Vereine die Chancengleichheit in Sprache, Bildung, Arbeit, Wohnen, Beteiligung am öffentlichen Leben verbessert werden? Inwieweit können die Vereine als Partner in der Integrationsarbeit für die Migranten auftreten?
__ Der zweite wichtige Punkt wäre die Vernetzung der Kulturinseln (einzelner Kulturarbeit der Vereine), um einen stärkeren Austausch zwischen den Vereinen zu entwickeln. Mit dem Forum der Kulturen in Stuttgart, der für die Verzahnung der Vereinsarbeit und mit der Zeitschrift „Interkultur“ in der Öffentlichkeitsarbeit viel leistet, ist man ein Stück weiter vorangekommen.
__ Drittens brauchen wir im Bereich der Qualifizierung von Migranten, von ehrenamtlich aktiven kulturschaffenden Stuttgarter BürgerInnen, noch eine verstärkte personelle und strukturelle Form, um sie stärker unter der Fragenstellung als Integrationslotsen einzubinden.
__ In Stuttgart besteht eine sehr reiche Kulturarbeit, doch ist diese noch nicht richtig „zusammengekommen“. Dieses zu erreichen, ist eine Querschnittsaufgabe und kann keine Fachdisziplin des Kulturamtes sein.

Dr. Peter Stapelberg
Wenn man einen Blick auf die Theorieebene wirft, so stellt sich heraus, dass eine der zentralen Schlüsselqualifikationen aller künftigen Generationen die interkulturelle Kompetenz sein wird. Die neuen Bildungsziele in den Kindergärten, die neuen Bildungslehrpläne in den Schulen enthalten sowohl die Sprachkompetenz als auch das Wissen um andere Kulturen, als einen wichtigen Schlüsselbereich. Überall ist erkannt worden, dass die interkulturelle Kompetenz ein ganz wichtiger zukunftsbestimmter Faktor sein wird, den wir auch leben müssen. Damit kann auch die Kommune zu einem Ort werden, in dem Weltgesellschaft geübt und gelernt werden kann. Gleichzeitig findet eine andere Entwicklung statt, die jeder von uns tagtäglich erlebt: der Abbau der Strukturen, der Ganztagesbetreuung, der Ganztagesschule, des Kulturprogramms, der Förderung etc. Es stellt sich die Frage, wo liegt die Chance in der Krise? Dabei ist zu beobachten, dass über Jahrzehnte Institutionen, Schulen, Kindergärten, VHS, Stadtbüchereien ausgebildet wurden und alle auch interkulturelle Arbeit geleistet haben. Jeder hat sich weitgehend sein Profil, seine Professionalität erarbeitet und lebt von einer gewissen Abgrenzung. Und das ist der Punkt, wo man jetzt ansetzen müsste. Man muss sich überlegen, wie man strategische Partnerschaften eingehen kann, wie die Strukturen unbedingt zu halten sind. Es gibt sehr viele sozusagen Erlebnis- und Kulturorte in den Kommunen, die neu vernetzt werden müssen. Wir brauchen neue Kommunikationsstrukturen in der Kommune, damit es uns gelingt den Lernort oder die Lernorte und die Lernarrangements zusammen zur Arbeit zu bringen. Die Volkshochschulen haben hier sehr viel geleistet und könnten z.B. eine Netzwerkfunktion übernehmen, da sie auch in der Fläche vertreten sind und bis ins kleinste Dorf hinein mitagieren können. Das heißt, man sollte sich anschauen, wo die Partnerschaften sind.

Andreas Freudenberg
Die strategischen Partnerschaften statt einer Zielgruppensegmentierung ist fast eine Voraussetzung, wenn man sich mit dieser Thematik in der Form durchsetzen möchte, dass man sich nicht mehr auf eine Nische beschränkt, sondern tatsächlich den Stadtraum, die Gemeinde mit dem Thema erobert, und statt der Last eben auch die Lust auf der kommunalen Ebene erfahrbar macht. Eine erfolgreiche Kulturarbeit wäre der Anspruch, die kommunale Kultur so zu entwickeln, indem man nicht nur bedenkt, was zu bewahren wäre und was wir in Zukunft aus unserer eigenen Geschichte heraus weiter geben möchten, sondern indem man alles was jetzt hier an Menschen, an Impulsen in der Stadt, im Bundesland, in der Region, in der BRD, in Europa zusammenkommt, sammelt. Das sind die Potenziale, die Ressourcen und was daraus entsteht ist die „Zukunftskultur“. Diese Zukunftskultur müssen wir so organisieren, dass tatsächlich faire Chancen der Partizipation in dem Sinne bestehen, dass es zum notwendigen Austausch, zum notwendigen Transfer und zu Experimenten kommen kann, die nicht mehr von der westeuropäischen, amerikanischen Dominanz geprägt sind, sondern die sich eben einer globalen Kultur, einer Weltkultur stellen. Denn jede Avantgarde kann sich eigentlich nur auf der Basis der Geschichte, der gewachsenen Kulturgeschichte entfalten. Man muss den anderen Avantgarden, anderen Experimenten eine Chance geben und eben die Möglichkeit eröffnen, dass andere Experimente mit demselben Risiko den Raum in unserer Kulturlandschaft gewinnen, wie es eben einer Avantgardkunst eigen ist. Was daraus entstehen wird, bleibt offen. Und da braucht man als Veranstalter im Dialog mit einer Kommune, in der die Ressourcen immer knapper werden, tatsächlich strategische Begriffe als eine Option, die wir einfordern können und worunter sich auch öffentlich kommunizierbare Versprechungen vermitteln. Man muss etwas versprechen und versuchen, es entsprechend einzulösen. So funktioniert Politik.
__ Die Frage der Qualität ist, aus eigener Erfahrung, kein Problem. Sie wird dann zum Problem, wenn es keine Unterstützung, keine Anerkennung, keine Räume gibt. Dann wird die Qualität einfach nicht blühen können. Doch in dem Moment, wo tatsächlich die Energien und die notwendigen Geldströmen in Gang kommen, (nicht auf hohem Niveau, das hat Kunst noch nie gehabt), in dem Moment, in dem wir uns in diese Richtung bewegen können, werden wir an Qualität keine Mangel haben. Wir werden die Qualität genauso produzieren können, wie sie in England, oder auch in Holland zu finden ist.

Jürgen Markwirth
Wenn man von der Gestaltung der Zukunft und der Kultur in der Gesellschaft ausgeht, die der Zusammensetzung unserer Gesellschaft gerecht wird, ist es notwendig, die unterschiedlichsten Bereiche der Kultur von Soziokultur bis Hochkultur zu überprüfen. Das gilt auch für andere Bereiche kommunalen Handels. Die zweite wichtige Bedingung ist die Entwicklung neuer Formen von Zusammenarbeit. In Nürnberg versuchen wir diesen Weg im interkulturellen Bereich, wo eine Koordinierungsgruppe Integration mit Vertretern der ganzen Stadtverwaltung gebildet wurde, und wo man gemeinsam an Zielen arbeitet und schaut, wie sie in einzelnen Bereichen umgesetzt werden. So versucht man jetzt z.B. im Bereich Kinderkultur die unterschiedlichsten Schulen, Jugendämter und das Kulturamt zusammenzubringen, um an einem gemeinsamen Konzept für Kinderkultur in Nürnberg zu arbeiten. Zur Zeit kommt jedes dritte Kind in Nürnberg aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Da ist schon einzusehen, wie wichtig diese Kooperation ist und wie wichtig es ist, neue Formen zu entwickeln. Aus dieser Tagung heraus ist klar geworden, dass man die Kooperation und Vernetzung der Arbeit nicht nur auf eine Kommune begrenzen sollte, sondern dass man auch überregional, über die Stadtgrenzen und die Bundeslandgrenzen hinaus kooperieren sollte, um bestimmte Dinge fördern zu können.

Dr. Hildegard Kurt
Die so genannten „goldenen Zeiten“ sind vorbei, die Finanzknappheit ist teilweise Schwindel erregend. Für Qualität ist eine gewisse finanzielle Grundlage erforderlich, doch die Finanzen selbst sind nicht das allein ausschlaggebende: eine typische Situation, in der eine Avantgarde ihre absolute Existenzberechtigung und die absolute Notwendigkeit hat. Was fehlt ist die breite Resonanz. Die Öffentlichkeit muss mehr darauf angesprochen werden. Alles was wir in diesem Bereich tun, generieren und an Offenheit, an Neugierde und an Austausch ermöglichen, muss auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausstrahlen.


/ Wie kann man trotz der Tatsache, dass die Politiker immer mehr unsere Finanzressourcen verengen, die Professionalität, mit der man die Arbeit bis jetzt geleistet hatte auch weiter behalten?

Dr. Peter Stapelberg
Es ist wichtig einzusehen, dass Kreativität, Kultur und künstlerischer Ausdruck nicht unbedingt an Geld und Institution allein gebunden sind. Wenn man in die Historie zurückschaut, gab es zum Beispiel Phasen, wo Organisationen noch nicht so verfestigt waren und trotzdem größere Aufbruchstimmung hatten. Es stellt sich eher die Frage, wie man die Arbeitsteilung künftig organisiert, ob man als Veranstalter alles selber macht oder jemanden, der die Kompetenz besitzt, ins Haus hereinholt.

Jürgen Markwirth
Diese Geldlage ist einfach eine Situation, mit der man momentan in den Kommunen leben muss. Man muss sich überlegen, wie man mit den Kürzungen umgeht, welche Schwerpunkte man setzt und was wichtig ist zu fördern. Wenn von der Kulturpolitischen Gesellschaft die Interkultur als eine Schwerpunktsaufgabe gesehen wird, da muss man gewisse Konsequenzen ziehen. So hat man in Nürnberg im Kulturamt die Interkultur als einen der wichtigsten Schwerpunkte gesetzt und da wird zuletzt gespart.

Andreas Freudenberg
Als die Werkstatt der Kulturen mit der Arbeit angefangen hat, war Berlin in einer katastrophalen Haushaltsituation. Es war von vornherein klar, die Werkstatt der Kulturen hat nur dann eine Chance, wenn sie sich in der Stadt „breit macht“. Daher entstand die konzeptionelle Entscheidung, den Karneval der Kulturen zu machen, sich in den öffentlichen Raum hineinzubegeben und zu vernetzen. Der strategische Aspekt dabei war, dass das Gelingen dieses Projektes, ihm einen Platz in der Kulturszene sichern wird. Mit diesem Selbstbewusstsein ist man aufgetreten und hat es geschafft, dass in den letzten sechs Jahren nichts gekürzt wurde. Dies bedeutet, dass man mit Kraft, mit einer Ausstrahlung, deutlich machen muss, dass man etwas vollbringen kann. Das Thema der internationalen Öffnung der Kommunalkultur, oder wie die Migration und die Globalisierung im kommunalen Kulturgeschehen reflektiert werden, ist nicht mehr durch einen Sonderetat zu lösen. Man muss die vorhandenen Räume ansprechen, indem man Förderung einrichtet, gute Projekte entwickelt und viel von diesen kleinen Kommunikationsstellen schafft, über die man als Kontaktstelle, als Kompetenzstelle über Jahre arbeiten kann. Das ist das Minimum, das man erreichen muss, um diese Arbeit seriös, kompetent, qualifiziert in der Stadt oder in der Region leisten zu können.

Gari Pavkovic
In Bezug auf die Migrantenkulturarbeit spielt die Lobbyarbeit eine große Rolle. Die Vereine müssen ihre Kontakte zu Verwaltungsspitzen, zu politischen Gruppierungen nutzen, um ihre Arbeit bekannter zu machen.


/ Wie sehen Sie die Einstellung der Mehrheitsgesellschaft und der Medien um Islam?

Gari Pavkovic
In Stuttgart leben etwa 40000 Muslime. Es muss eingesehen werden, dass der interreligiöse Dialog von Funktionären, von christlichen Kirchen und Moscheevereinen weder die Bilder in den Köpfen der Menschen noch die Vorbehalte der breiten Bevölkerungsschichten in den Stadtteilen aufgeweicht hat. Die Spannung ist noch immer da und es müssen neue Wege gefunden werden. Es wäre wichtig in einer wesentlich breiteren Form Informationen über den Islam als auch eine differenziertere Anerkennung des Islam in Kindergärten, Schulen und in persönlichen Begegnungen auf breiterer Ebene in Stadtteilen zu vermitteln. Ein breiter Diskurs in sehr vielen Bereichen wird benötigt und die Aktivitäten und Engagements der Muslime in Stuttgart müssen sichtbar werden. Sie müssen auch Foren in Stuttgart wie z.B. die Arbeitskreise für Integration, runde Tische, lokale Agendagruppen nutzen. Es reicht nicht, einmal pro Jahr eine Führung durch Moscheen durchzuführen, um die Bilder, die in den Köpfen sind, aufzubrechen.
__ Es müssen mehr Begegnungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen geschaffen werden. Wir brauchen positive Beispiele, wo die Jugendlichen oder aktive Moscheevereine im Kontakt mit den Schulen zeigen, dass sie sich für Integration einsetzen, indem sie z.B. die Schulschwänzer zurückbringen. Es muss eine Lösung gefunden werden, wo die muslimische Seite sagen kann, unsere religiöse Identität wird respektiert aber wir tun auch etwas für die Bildungsoffensive unserer Kinder, unserer Mädchen und Frauen.
__ Das heißt, es wird eine sichtbare Arbeit mit Muslimen zu Integrationsfragen benötigt, weil der interreligiöse Dialog, der derzeit geführt wird, allein nicht ausreicht und eine größere Öffnung der Gesellschaft für positive Beispiele, was Muslime in Stuttgart für diese Stadt leisten.


/ Wann werden die Migranten bzw. die zweite Generation der Migranten als Mitarbeiter in den höheren Behörden und nicht nur als Ehrenamtliche zu treffen sein?

Jürgen Markwirth
Dies ist eine berechtigte Frage und eine berechtigte Forderung, die sicher verstärkt berücksichtigt werden muss. Es ist wichtig, dass Migranten auf allen Ebenen der Kommunalverwaltung beschäftigt werden.


/ Neue Perspektiven für die interkulturelle Praxis
Woran und wie muss weiter gearbeitet werden?


Dr. Peter Stapelberg
Wenn man in diesem Feld arbeitet, muss man sich auf den Marktplatz begeben, aktiv in die Politik einmischen, Politikmanagement verstehen und sich offensiv einbringen. Eine gewisse Kompetenz braucht man, um politische Systeme zu pflegen und mitzusteuern. Wenn man aus einem bestimmten Hintergrund kommt, ist man vielleicht dafür nicht angetreten und das muss man dazulernen.

Gari Pavkovic
In Stuttgart wird versucht, den Dialog mit Migrantenkulturvereinen zu vertiefen und sich zu überlegen, welchen Beitrag diese Vereine in der Integrationsarbeit leisten können. Zusammen mit den Vereinen und mit dem internationalen Ausschuss aus der kommunalen Ausländervertretung soll genauer herausgearbeitet werden, in welcher Form ganz konkret sich die Vereine als Partner stärker einbringen können und wie das finanziert werden kann. Auch die Lobbyarbeit und die Vernetzungsarbeit des Forums der Kulturen sollen erhalten bleiben.

Andreas Freudenberg
Es ist sehr wichtig einander zu qualifizieren und miteinander anspruchvoll zu sein, um die Qualität zu steigern. Auch im politischen Sinne müssen wir uns qualifizieren, um in der Lage zu sein, so etwas wie eine Art Druck im Land und eine Art Lobbypräsentation aufzubauen.

Jürgen Markwirth
Wir müssen einerseits jeder für sich versuchen, das Thema weiter zu tragen und zu entwickeln. Möglichst viele Gremien sollen mit diesem Thema konfrontiert werden. Wir müssen über Städte- und Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten und gemeinsam diesen Anspruch, den wir haben, voranbringen.


Stand 22. Juni 2004
 
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