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  Dokumentation // Zwischenrede

Zur Bedeutung der Kultur in der Integrationsarbeit
Corinna Werwigk-Hertneck
Justizministerin und Ausländerbeauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg


1. Zuwanderung, Integration und kulturelle Vielfalt

Die bereits erfolgte beziehungsweise die unleugbar noch notwendige Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland stellt die Gesellschaft in hohem Maße auch vor eine kulturelle Aufgabe.
Wohlverstandene Integration – und ich meine mit Integration nicht nur die natürlich unverzichtbare Vermittlung der deutschen Sprache – ist zu unterscheiden von Assimilation mit dem – oft unausgesprochenen – Ziel, dass die Zugewanderten sich möglichst in nichts mehr von den Deutschen unterscheiden sollten.

Weder Assimilation noch Segregation, sondern Integration und damit Kommunikation und Kooperation zwischen allen Individuen sind Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben aller Bürgerinnen und Bürger in einer zivilgesellschaftlich verfassten Demokratie.
Dieses Miteinander setzt aber voraus, dass die Vielzahl der Kulturen in Deutschland als gleichwertig anerkannt wird.

Es erscheint mir wichtig, zum einen
- den Kulturbegriff selbst kurz zu beschreiben, zum anderen
- Aufgabe und Bedeutung von Kultur in der Integrationsarbeit aufzuzeigen.


2. Zum Kulturbegriff

Mehr noch als der Gesellschaftsbegriff ist der Kulturbegriff als analytischer Begriff in den vergangenen Jahren fragwürdig und in vielerlei Hinsicht neuen Lesarten unterzogen worden.

Der klassische, im 18. und 19. Jahrhundert verfestigte Kulturbegriff beschreibt Kultur als “jenen Gesamtkomplex, der Wissen, Glauben, Kunst, Recht, Moral, Konsum und alle anderen Fähigkeiten und Verhaltensweisen eines Menschen in einer Gesellschaft umfasst.”
Es geht also um die Lebensformen eines Volkes, wie sie sich in seinen geistigen und künstlerischen Äußerungen manifestieren sowie in seinem Verhältnis zur Natur und der Gestaltung seines Lebensraumes.

Als Kriterien einer hoch entwickelten Kultur können angeführt werden: die Einhaltung sozialer Ordnungen und kultivierter, gesitteter Interaktionsformen, die Pflege von Tradition und Geschichte, die Förderung von Erziehung und Bildung, Kunst, Wissenschaft und Religion, eine bewusste Haltung gegenüber moralischen und ethischen Forderungen, Übernahme sozialer Verantwortung sowie Verpflichtung zu politischer Korrektheit.

Der Begriff der Kultur ist insofern eng mit dem Begriff der Zivilisation verwandt.

Die Entwicklung der letzten Jahre geht aber hin zu einem pluraleren Kulturbegriff. Durch die Globalisierung, durch das Zusammenwachsen und Zusammenkommen von Staaten, Kontinenten und Menschen, nicht zuletzt durch Medien und Internet, beeinflussen sich die verschiedenen Kulturen gegenseitig. Vieles ist in ständiger Bewegung und Veränderung.

Diese soziale Entwicklung, die wir auch in unserem Land erleben, spricht dafür, fremde, andere Kulturen als gleichberechtigte Partner zu integrieren. Man sollte darin eine Chance erkennen.


3. Zur Bedeutung der Kultur

Kultur ist als Identitätsanker der einzelnen Menschen, wie der Gesellschaft insgesamt, gerade in Zeiten forcierter Globalisierung wichtiger geworden.
Angesichts der dramatischen Veränderungsprozesse, in denen wir uns befinden, gibt es ein erhebliches Bedürfnis nach Vergewisserung, nach Verständigung und nach Identitätsbildung.

Kunst und Kultur sind ihrer Geschichte und ihrem inneren Wesen nach der Ort, an dem genau diese Fragen diskutiert und reflektiert werden können.

Kultur darf kein Selbstzweck sein, sondern ist ein unverzichtbares gesellschaftliches Gut, ebenso wie der Sozialstaat und das friedliche Zusammenleben der Menschen.

Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur fördert die Vielfalt unseres Lebens, bringt grundlegende Werte zum Ausdruck, schärft den Blick für soziale Teilhabe und ist Teil von Emanzipation und Persönlichkeitsentwicklung, von individueller Freiheit, Sinn- und Selbstbestimmung.

Der Kultur kommt heute, in einer Phase tief greifender wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, besondere Bedeutung zu.
Sie trägt dazu bei, konkrete Visionen zu entwickeln, die unserer Gesellschaft ein humanes Gesicht geben.
Kunst und Kultur schaffen Räume für den Menschen jenseits der marktgemäßen Rollen als Arbeitskraft und Konsument. Kultur ist für mich ein zentraler Aspekt gesellschaftlicher Reform- und Zukunftsfähigkeit.

Wenn ich mir die bisherige Praxis interkultureller Aktivitäten betrachte, dann bin ich mir aber nicht immer sicher, ob diese tatsächlich zu einer Einübung von Toleranz und Akzeptanz, zu einer wirklichen Begegnung mit anderen Kulturen und zu einer echten Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund führt.
Ein Überdenken mancher bisheriger Modelle und Konzepte kann daher nützlich und notwendig sein.


4. Ausblick

Die Kulturarbeit ist ein wichtiges Mittel zur Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern, aber auch zur besseren gegenseitigen Verständigung.

Sinnvoll und wichtig ist ein gleichberechtigter interkultureller Dialog, der den anderen in seiner jeweiligen kulturellen Prägung achtet und das Recht auf kulturelle Verschiedenheit einräumt.

Auf die Dauer wird in Deutschland vielleicht eine neue Kultur entstehen, und zwar mit Beiträgen von allen beteiligten Menschen, der Migranten, Deutschen, der Spätaussiedler, wie auch immer, im Idealfall ohne Unterdrückung durch eine sog. Leitkultur, ohne die Beseitigung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt.


Stand 22. Juni 2004
 
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