ULRICH BECK, 1995

aus: eigenes Leben. München, 1995

 

 

Was meint ‘eigenes Leben’?

»Doch was um alles in der Welt treibt die Menschen dazu, ausgerechnet nach den ‘Sternen’ des eigenen Lebens zu greifen? Was ist der Grund für diesen Aufbruch? Was erklärt diese scheinbar individuelle und doch geradezu schematisch ablaufende Bewegung, diesen Eifer, diese Lust und Angst, diese Routine und Gewitztheit, mit der viele Menschen um ihr eigenes Leben bangen und ringen?«

Es gibt im Westen wohl kaum einen verbreiterten Wunsch als den, ein eigenes Leben zu führen. Wer heute in Frankreich, Finnland, Polen, der Schweiz, in England, Deutschland, Ungarn, in den USA und Kanada herumreist und fragt, was die Menschen wirklich bewegt, was sie anstreben, wofür sie kämpfen, wo für sie der Spaß aufhört, wenn man es ihnen nehmen will, dann wird er auf Geld, Arbeitsplatz, Macht, Liebe, Gott usw. stoßen, aber mehr und mehr auf die Verheißungen des eigenen Lebens. Geld meint eigenes Geld, Raum meint eigenen Raum, eben im Sinne elementarer Voraussetzungen, ein eigenes Leben zu führen. Selbst Liebe, Ehe, Elternschaft, die mit dem Verfinstern der Zukunft mehr denn je ersehnt werden, stehen unter dem Vorbehalt, eigene, d.h. zentrifugale Biographien zusammenzubinden und zusammenzuhalten. Mit nur leichter Übertreibung kann man sagen: Das alltägliche Ringen um das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt geworden. In ihm drückt sich die Restgemeinschaft aller aus.

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Der Zwang und die Möglichkeit, ein eigenes Leben zu führen, entstehen in der hochdifferenzierten Gesellschaft. In dem Maße, in dem die Gesellschaft in einzelne Funktionsbereiche zerfällt, die weder aufeinander abbildbar noch durcheinander ersetzbar sind, werden die Menschen jeweils nur unter Teilaspekten eingebunden: als Steuerzahler, Autofahrer, Studentin, Konsument, Wähler, Patient, Produzent, Vater, Mutter, Schwester, Fußgängerin usw.; d.h. sie werden im andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil unvereinbaren Verhaltenslogiken gezwungen, sich auf die eigenen Beine zu stellen und das was zu zerspringen droht, selbst in die Hand zu nehmen: das eigene Leben. Die moderne Gesellschaft integriert die Menschen nicht als ganze Person in ihre Funktionssysteme, sie ist vielmehr im Gegenteil darauf angewiesen, daß Individuen gerade nicht integriert werden, sondern nur teil- und zeitweise als permanenter Wanderer zwischen den Funktionswelten an diesen teilnehmen.

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Das eigene Leben ist gar kein eigenes Leben!

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Das eigene Leben ist das durch und durch institutionenabhängige Leben. An die Stelle bindender Traditionen treten die Vorgaben, ein eigenes Leben zu organisieren.

[...] Gerade im Bürokratie- und Institutionendickicht der Moderne ist das Leben in Netzwerke von Vorgaben und (bürokratischen) Regeln fest eingebunden. Das Entscheidende ist vielmehr, daß die modernen Vorgaben die Selbstorganisation des Lebenslaufes und die Selbstthematisierung der Biographie geradezu erzwingen.

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Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie, zur »Bastelbiographie« (Hitzler), zur Risikobiographie, zur Bruch- oder Zusammenbruchsbiographie. In der Risikogesellschaft in diesem biographischen Sinne bleiben selbst hinter den Fassaden von Sicherheit und Wohlstand die Möglichkeiten des Abgleitens und Absturzes immer präsent. Daher das Klammern und die Angst selbst in der äußerlich reichen Mitte der Gesellschaft.

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Eigenes Leben - eigenes Scheitern. Die Konsequenz ist, daß auch gesellschaftliche Krisen - z.B. Massenarbeitslosigkeit - in Form individueller Risiken auf die einzelnen abgewälzt werden können. Gesellschaftliche Probleme können unmittelbar umschlagen in psychische Dispositionen: in persönliche Schuldgefühle, Ängste, Konflikte und Neurosen. Es entsteht - paradox genug - eine neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft, die Unmittelbarkeit von Krise und Krankheit in dem Sinne, daß gesellschaftliche Krisen als individuelle erscheinen und nicht mehr oder nur noch sehr vermittelt in ihrer Gesellschaftlichkeit wahrgenommen werden.

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Die Menschen ringen um ein eigenes Leben in der Welt, die sich immer mehr und offensichtlicher ihrem Zugriff entzieht, ja die unentrinnbar global vernetzt ist.[...] Welchen Sinn macht es denn noch, von einem bestimmten Ort, gar von Heimat zu reden, wenn doch das ‘hier’ überall ist - dank Überschallflugzeug und Telekommunikation?

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Das eigene ist zugleich das globale Leben. Das Gehäuse des Nationalstaates ist zu groß und zu klein geworden. Was sich im Innern des eigenen Lebens tut, hat sehr viel mit weltweiten Einflüssen, Herausforderungen, Moden oder der Abschirmung dagegen zu tun.

Die andere Seite der Globalisierung ist Enttraditionalisierung. [...] Das meint nicht, daß hier Traditionen keine Rolle mehr spielen (oft ist das Gegenteil der Fall). Traditionen müssen aber gewählt werden und gelten nur im Durchgang durch die Entscheidung und Erfahrung der Individuen.

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‘Individualisierung’ in diesem Sinne meint Enttraditionalisierung, aber auch das Gegenteil: die ‘Erfindung von Traditionen’. Die Idylle - Omas Apfelkuchen, Vergißmeinnicht und Kommunitarismus - hat Hochkonjunktur.

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Faßt man Globalisierung, Enttraditionalisierung und Individualisierung zusammen, dann wird klar: Das eigene Leben ist ein experimentelles Leben. Überlieferte Lebensrezepturen und Rollenstereotypen versagen. Zukunft kann nicht aus Herkunft abgeleitet werden. Die Lebensführung wird historisch vorbildlos. Eigenes und soziales Leben müssen - in Ehe, Elternschaft ebenso wie in Politik, Öffentlichkeit, Erwerbsarbeit und Industriebetrieben - neu aufeinander abgestimmt werden. Die Unruhe des Zeitalters (Zeitgeistes) hat auch darin ihren Grund, daß niemand weiß, ob und wie dies gelingt.

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Soziale Reflexion - Verarbeitung widersprüchlicher Informationen, Gespräch, Verhandlung, Kompromiß - und eigenes Leben sind fast bedeutungsgleiche Wörter. Die Lebensführung muß angesichts vielfältiger, sich widersprechender Anforderungen in einem Raum globaler Unsicherheit aktiv, man kann ruhig sagen: gemanagt werden.[...]

Die Sozialstruktur des eigenen Lebens entsteht also mit fortlaufender Differenzierung und Individualisierung, genauer: mit der Individualisierung von Klassen, Kleinfamilien, weiblicher Normalbiographie. Auf diese Weise werden die Gruppenkategorien der Industriegesellschaft kulturell aufgebrochen bzw. transformiert. Selbst traditionale Lebensverhältnisse werden entscheidungsabhängig, müssen gewählt, gegen andere mögliche Optionen verteidigt und gerechtfertigt und als persönliches Risiko gelebt werden.

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Dieser Umsturz, diese Umwertung erfolgt interessanterweise genau dadurch, daß da, was durch die Jahrhunderte hindurch die Abwertung, nun die Aufwertung des Individuums begründet: Das Individuelle kann nicht aus dem Allgemeinen abgeleitet werden.

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Insoweit das eigene Leben sich gerade dem Zugriff des verallgemeinernden Denkens und Forschens entzieht, wird notwendig: Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Photographie, biographische (Re)konstruktion und soziologische Analyse zu verbinden - ohne Patentrezept oder Drehbuch - mit dem Ziel, aus allen Himmelsrichtungen Licht auf die Rätsel des eigenen Lebens zu werfen. Vielleicht, daß auf diese Weise den Ureinwohnern des eigenen Lebens dieses, aus dem Dunkel des Selbstverständlichen gehoben, fragwürdig und merkwürdig wird.