MANUEL CASTELLS, 1991

aus: Stadt-Räume. Frankfurt, 1991

 

Space of flows

Informatisierte Stadt und soziale Bewegungen

 

Hinter der offensichtlich einfachen Anerkennung des Vorhandenseins einer bedeutsamen Beziehung zwischen Gesellschaft und Raum steckt eine grundlegende Komplexität bezüglich der Form dieser Beziehung: Raum ist der Ausdruck der Gesellschaft. Da sich unsere Gesellschaft einer grundlegenden und strukturellen Transformation unterziehen, ist es also eine vernünftige Hypothese anzunehmen, daß gegenwärtig neue räumliche Formen und Prozesse entstehen.

 

Neue Informationstechnologien wandeln Städte und Regionen überall in der Welt um. Dennoch werden ihre Wirkungen von gesellschaftlicher Organisation vermittelt und resultieren entgegen den simplizistischen Annahmen der Propheten des technologischen Determinismus nicht aus dem direkten Einfluß der Technologie selbst. Daher dezentralisiert die Telekommunikation nicht nur die räumlichen Standorte von Firmen sondern führt zu einem komplexeren Muster, wo die wachsende Zentralisierung in nodalen Städten mit der räumlichen Dispersion von Aktivitäten zweiter Ordnung einhergeht.

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Städte und Regionen werden durch die Expansion des informationellen Entwicklungsmodus umgestaltet und zwar sowohl durch die Auswirkungen dieser Expansion auf Produktion, Konsumption und Management, als auch durch den Einfluß neuer Technologien auf die räumlichen Prozesse, die damit verbunden sind. Die informationelle Stadt ist der Begriff, mit dem ich die neue Form der sozialräumlichen Organisation bezeichne, die aus solchen Prozessen resultiert, parallel zu dem, was die industrielle Stadt für die industrielle Entwicklungsweise repräsentiert. Beide können nur verstanden werden durch die Interaktion ihrer Eigenschaften mit den Merkmalen der herrschenden Produktionsweise sowie mit der präzisen historischen Form des Kapitalismus in jeder Periode und jeder Gesellschaft.

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Der neue Raum der Wirtschaftsorganisation wird weder von Zentralisierung noch von Dezentralisierung charakterisiert, sondern von der Verbindung zwischen den beiden Prozessen und der Reintegration der Einheit des Systems durch Kommunikationsflüsse zwischen verschiedenen räumlichen Orten, die distinktiven Standortmustern folgen.

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Daher ist das gemeinsame räumliche Merkmal der neuen organisatorischen Form der Produktion und des Managements ihr Vertrauen auf einen Raum von Flüssen, der einen Raum von Orten ersetzt. Jede Funktion, oder jede Einheit, ist weiterhin räumlich abhängig und mit einer spezifischen sozialräumlichen Umgebung verbunden. Aber die räumliche Logik des Systems insgesamt ist abhängig von einem Raum von Flüssen der Lokalitäten und daher lokale und nationale Gesellschaften transzendiert. Nicht die Ent-Räumlichung der menschlichen Tätigkeit folgt daraus, sondern die Schaffung einer neuen Form von Raum, die sich von den historisch determinierten, ortsbezogenen Formen der räumlichen Determination unterscheidet. Diese letzte Form charakterisiert noch die funktionale Logik der herrschenden ökonomischen Organisationen, wodurch deren materielle Basis und ihre soziale Logik gegenüber den kulturellen oder politischen Prozessen weiterhin spezifiziert werden. Neue Informationstechnologien tragen gleichzeitig zu einem solchen Trend bei und machen ihn erst möglich. Die ‘Informatisierte Stadt’ ist als städtische Form des informationellen Entwicklungsmodus von der Vorherrschaft des Raumes von Flüssen über den Raum von Orten gekennzeichnet.