|
MICHEL DE CERTEAU, 1988 Texte aus: Die Kunst des Handelns. Berlin, 1988 p. 217/219/233
‘Räume’ und ‘Orte’ »Der Raum ist ein Geflecht von beweglichen Elementen. Er ist gewissermaßen von der Gesamtheit der Bewegungen erfüllt, die sich in ihm entfalten.« Zum Beginn unterscheide ich zwischen Raum und Ort, um den Untersuchungsbereich einzugrenzen. Ein Ort ist die Ordnung (egal, welcher Art), nach der Elemente in Koexistenzbeziehungen aufgeteilt werden. Damit wird also die Möglichkeit ausgeschlossen, daß sich zwei Dinge an derselben Stelle befinden. Hier gilt das Gesetz des ‘Eigenen’: die einen Elemente werden neben den anderen gesehen, jedes befindet sich in einem ‘eigenen’ und abgetrennten Bereich, den es definiert. Ein Ort ist also eine momentane Konstellation von festen Punkten. Er enthält einen Hinweis auf eine mögliche Stabilität. Ein Raum entsteht, wenn man Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität der Zeit in Verbindung bringt. Der Raum ist ein Geflecht von beweglichen Elementen. Er ist gewissermaßen von der Gesamtheit der Bewegungen erfüllt, die sich in ihm entfalten. Er ist also ein Resultat von Aktivitäten, die ihm eine Richtung geben, ihn verzeitlichen und ihn dahin bringen, als eine mehrdeutige Einheit von Konfliktprogrammen und vertraglichen Übereinkünften zu funktionieren. Im Verhältnis zum Ort wäre der Raum ein Wort, das ausgesprochen wird, das heißt, von der Ambiguität einer Realisierung ergriffen und in einen Ausdruck verwandelt wird, der sich auf viele verschiedene Konventionen bezieht; er wird als Akt einer Präsenz (oder einer Zeit) gesetzt und durch die Transformationen verändert, die sich aus den aufeinanderfolgenden Kontexten ergeben. Im Gegensatz zum Ort gibt es also weder eine Eindeutigkeit noch die Stabilität von etwas ‘Eigenem’. Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht. So wird zum Beispiel die Straße die der Urbanismus geometrisch festlegt, durch die Gehenden in einen Raum verwandelt. Ebenso ist die Lektüre ein Raum, der durch den praktischen Umgang mit einem Ort entsteht, den ein Zeichensystem - etwas Geschriebenes - bildet. [...] Untersucht man Alltagspraktiken, die diese Erfahrung artikulieren, wird der Gegensatz zwischen ‘Ort’ und ‘Raum’ - etwa in Erzählungen - vor allem auf zweierlei Bestimmungen zurückzuführen einmal durch die Objekte, die letztlich auf das Dasein von etwas Totem, auf das Gesetz eines ‘Ortes’ reduziert werden könnten (vom Kieselstein bis zum Leichnam scheint im Abendland ein Ort immer durch einen reglosen Körper definiert zu werden und die Gestalt eines Grabes anzunehmen); und zum anderen durch die Handlungen, die - an einem Stein, einem Baum oder einem menschlichen Wesen vorgenommen - die ‘Räume’ durch die Aktionen von historischen Subjekten abstecken (die Erzeugung eines Raumes scheint immer durch eine Bewegung bedingt zu sein, die ihn mit einer Geschichte verbindet). |