Vom Ort zum Raum – 21 Orte 1000 Räume
von Jochem Schneider

 

Der französische Historiker und Philosoph Michel de Certeau unterscheidet zwischen Ort und Raum:

"Ort" ist für ihn die Bezeichnung für eine Konstellation aus festen Punkten, eine formale Geometrie, ein statisches Gebilde. "Raum" entsteht dort, wo sich darüber hinaus eine Handlung vollzieht – wenn Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und Zeit mit einem Ort in Verbindung treten.

Ein Ort wird demnach zum Raum, wenn dort etwas geschieht: Die geometrisch festgelegte Straße wird durch die Gehenden und Fahrenden in einen Raum verwandelt.

Dieses Raumverständnis ist gebunden an Interaktion und Aktivität. Es verschiebt die dominante Position der Form hin zum Primat der Handlung – was nicht heißen soll, je mehr passiert, desto interessanter ist der Raum.

Die Unterscheidung in Ort und Raum läßt sich auch als die des geometrischen und des anthropologischen Raumes beschreiben. Der Letztere ist unmittelbar an die Präsenz von Menschen und Nutzern gebunden, während der erste "an sich" vorhanden ist. Der eine ist eher fest und statisch, der andere durch Dynamik und Wandelbarkeit gekennzeichnet. Eindeutigkeit steht als Charakteristikum des einen, Mehrdeutigkeit für den anderen. Der erste ist der Rahmen für die Aktion im zweiten.

Ort und Raum bauen aufeinander auf, sie greifen ineinander und sind unabhängig voneinander nicht denkbar. Dennoch wurde im Städtebau des 20. Jahrhunderts der geometrische Ort überhöht und verabsolutiert, was auch an den in diesem Journal vorgestellten Orten deutlich wird. Diese Haltung spiegelt sich bis heute in der Architekturphotographie, die in den seltensten Fällen Menschen abbildet - die Reinheit des architektonischen Objektes soll nicht gestört werden.

Das Projekt "Offene Räume" sucht das Augenmerk auf handlungsorientierte Strategien für den öffentlichen Raum zu lenken. Die in diesem Journal vorgestellten Orte sind daher auch nicht primär über ihr Aussehen und ihre Gestalt zu betrachten, sondern stellen im Verständnis einer strategischen Diskussion Plattformen für kulturelle Interaktion dar. Ihr Zustand der Leere macht sie wandelbar und läßt unterschiedliche Aggregatzustände möglich erscheinen. Ihr Antlitz verändert sich, je nachdem, ob getanzt, gefahren, gelaufen, gestanden oder geschlafen wird.

Ihre räumliche Offenheit interessiert uns: sie erscheint symptomatisch für eine Gesellschaft, die ihre alltäglichen Rituale immer schneller ändert, die mit einer zeitlichen Beschleunigung ihrer alltäglichen Abläufe konfrontiert ist und in zunehmendem Maße Individualisierung gekennzeichnet ist aufweist.

Es sind transitorische Orte, die wir behandeln: In ihrem heutigen Zustand sind sie vergänglich. Wir treffen auf alte und neue Umbruchsorte. Sie befinden sich in einem Zwischenzustand. Viele von ihnen sind stark von funktionalen Gesichtspunkten geprägt - gewollt oder ungewollt. Doch das Funktionale hat Lücken und Brüche. Zwischen Fixierung und Wandel, zwischen Beständigkeit und Flüchtigkeit klafft ein Spalt. Leerstände sind Teil des räumlichen und ökonomischen Systems Stadt.

Die unterschiedlichen Orte können aufgrund ihres Zustandes relativer Leere als kulturelles Innovations- und Regenerationspotential verstanden werden: In ihnen ist möglich, was woanders unmöglich ist. Vielleicht gerade weil sie uns fremd oder weil sie so alltäglich sind, daß wir sie gar nicht (mehr) wahrnehmen; zu selbstverständlich ist uns ihre Gegenwart.

Jenseits des scheinbar Festgelegten eröffnen diese Orte Spielräume - für das Neue, für ein Ausprobieren und Experimentieren. Sie sind Inseln gleich, ihre Bestimmung obliegt nicht allein den Planern, sondern macht Allianzen notwendig. Der Blick auf den anthropologischen Raum beinhaltet eine Auseinandersetzung mit den Wechselwirkungen von Kultur und Planung. Diese Orte können "Frei"-Räume sein, wenn wir sie nur als solche erkennen. Können Planer, Künstler und Kulturschaffende Seismographen für solche Potentiale sein?

Von der Fähigkeit, mit diesen Umbruchs-Orten umzugehen, wird viel für die Zukunft unserer Städte und Regionen abhängen. Vom scheinbar traditionellen Schloßberg in Böblingen und dem Stiftshof in Backnang bis zu den "neuen" Orten in der Landschaft von Ostfildern und Ditzingen, von der Leere des Bahnhofsvorplatzes in Geislingen zum leergeräumten Güterbahnhof in Stuttgart - überall treffen wir auf unbestimmte Zwischenzustände. Sie stehen sinnbildlich für den Wandel, der der Stadt ursächlich eingeschrieben ist. Dennoch ist unser Denken vielfach auf statische Endzustände ausgerichtet. Nicht die Festschreibung auf diese, sondern die prozeßhafte Auseinandersetzung mit dem Wandel steht im Mittelpunkt des Projektes "Offene Räume".

Die ausgewählten Orte stehen exemplarisch für eine Suche - nicht nach Form, nicht nach abstrakter Schönheit, nicht nach Funktionalität. Jenseits von technischer Determiniertheit und formaler Verliebtheit sucht das Projekt nach Handlungsstrategien im unmittelbaren Sinn des Wortes.