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Cloud@infowars © Boris Petrovsky

Rathausplatz, Sindelfingen

Boris Petrovsky: »Cloud@infowars«

Über dem Eingang zum Rathaus in Sindelfingen hat der Künstler Boris Petrovsky ein Band aus den 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets installiert. Die Oberfläche der einzelnen Buchstaben ist mit blasenförmigen Pixellichtern überzogen, die farbige, strukturierte Flächen erzeugen und dabei Wörter und Sätze als laufende Zeichenschatten anzeigen. Über ihre Mobilgeräte können Besucher Textbotschaften an die Installation schicken. Begrenzt durch die Form der Buchstaben, die als Displays fungieren, sind diese laufenden Texte jedoch nur in Fetzen lesbar, ihre Bedeutung kann nur erahnt oder gar erfunden werden. Gleichzeitig werden Sinnzuschreibungen provoziert durch den Eindruck von Einkaufserlebnis, Jahrmarkt, Spielhalle, Börsen- und Newsticker.

Der Inhalt wird von seiner Erscheinungsform verschlungen, seine hinterlassene Spur zum Spielfeld der Spekulationen. Petrovsky spielt in seiner Arbeit auf das Phänomen an, dass etwas, das „schwarz auf weiß“ geschrieben steht, reflexartig Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird und zu einer sich selbst bestätigenden Feedbackschleife wird. Die Filter der Datenverteilung zielen auf die „Gleichgesinnung" der Rezipienten: Wir bekommen das zu lesen, über das wir lesen wollen, und zwar in der jeweiligen soziopolitischen Färbung.

Im Zeitalter von Cloud und Social Media droht Kommunikation zwischen einer nicht zu bändigenden Informationsmasse einerseits und verkürzten, reflexhaften und virtuellen Schlagabtäuschen in Foren und Kommentarzeilen andererseits ihre Bedeutung, die Idee des gegenseitigen Verstehens, einzubüßen. Befinden wir uns etwa, wie Petrovsky provokant und zugespitzt formuliert, bereits in einem „informationellen Bürgerkrieg“?

Werbeschriften und Displays behaupten ihre Lufthoheit im öffentlichen Raum, sie „überschreiben“ Gebäude, wecken Wunschvorstellungen, fordern zu Projektionen heraus. Mit dieser Wirkung arbeitet Petrovsky. Seine „Überschrift“ eröffnet einen Assoziationsspielraum: Das Sindelfinger Rathausportal als Zugangsweg und Einlassbeschränkung zu einer öffentlichen Institution wird durch das Schriftband und dessen auf einer zweiten Ebene stattfindenden „Überschreibung“ mit den gesendeten Botschaften der Besucher zum Newsportal, zum Wortportal, ja gar zum Verhandlungsportal.

Der Künstler

Boris Petrovsky wurde 1967 in Konstanz geboren. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Heute lebt und arbeitet er in Konstanz. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit den Zusammenhängen zwischen Vorstellung, Zeichen, Begriff und Objekt in einer medialisierten Welt und untersucht unseren Realitätsbegriff. Durch Licht, Sound und Kinetik lässt er seine Objekte und Installationen mit ihren Betrachtern kommunizieren. Dabei konfrontiert er die zum Handeln animierten Rezipienten mit der Frage nach der Wirksamkeit ihrer eigenen Partizipation. Häufig bleibt unklar, ob eine Erscheinung das Resultat der aktiven Beteiligung oder ein automatischer Vorgang der Maschine ist. Petrovsky öffnet Räume der Fragen und Selbstbeobachtung.

Herkunftsland

Deutschland

Website des Künstlers

Der Ort

Das neue Sindelfinger Rathaus wurde 1970 eingeweiht. Größenordnung und Charakter des Gebäudes spiegeln die damalige Vorstellung wider, die Sindelfingen auf dem Weg zu einer modernen Großstadt sah. Die Gliederung des Gebäudes mit dem achtstöckigen Verwaltungsbau und dem angrenzenden Sitzungssaal spiegelt die Kommunalverfassung idealtypisch wider. Auch deshalb, aber auch wegen der weitgehenden Unverändertheit und hohen Qualität der Inneneinrichtung steht das Rathaus seit 2014 unter Denkmalschutz.

Adresse

Rathausplatz 1
71063 Sindelfingen

Öffnungszeiten

Jederzeit von außen sichtbar

Lichtkunst

bis 09.10.16 täglich von 20:00 bis 24:00 Uhr