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09.09.2014

Die Gartenlaube bebt

© Kai Fischer

Der Idylle ist zu misstrauen, soviel hatte der Künstler Thomas Putze vorher verraten. Fast 70 Gäste waren am 05.09.2014 zu seiner Performance in Herrn Bauers Cannstatter Obstgarten gekommen. Bei Vogelgezwitscher, Abendstimmung unter alten Bäumen und mit einem Glas Wein in der Hand machten sie es sich auf dem sanften Abhang im Gras gemütlich. Ein ungewöhnliches Gebilde, ein riesiges, zeltförmiges Gerüst aus wildgewachsenen Ästen und vielen kleinen an den Astspitzen zu entdeckenden Figuren, zog die Blicke auf sich.

Ein Knacken im Unterholz – der Künstler erscheint: Gleich Adam mit nichts als Blättern bekleidet, tritt er aus dem Dickicht hervor. Anders als Ersterer hält er dabei eine Gitarre im Arm. Von seinem Gerüst aus stimmt er eine Bluesmelodie an. Was auf die sorgfältig erschaffene Idylle folgt, sind anderthalb Stunden konsequente Zerstörung derselben – mit allen dem Künstler, Musiker und Gärtner zur Verfügung stehenden Mitteln.

Putze schlägt mit einer Gitarre, an deren Ende eine Sensenklinge befestigt ist, eine Schneise durchs hohe Gras in Bauers Garten. Er zündet einen aus Holz geschnitzten, mit Müll und Gras gefüllten Kopf an. Er klettert auf einen Baum und sägt mit einem Zwitterwesen aus Gitarre und Werkzeug den Ast ab, auf dem er steht. Für ein Rasenmäher- und ein Heckenscherenduett gibt sich auch der Gartenbesitzer Herr Bauer die Ehre.

In Putzes Kunst erfüllt kein Ding nur eine Funktion. Der geschnitzte Kopf, dem die Glut aus den Augen quillt, ist zugleich brennende Mülltonne, die Gitarre zugleich Sense oder Kettensäge. Schrott ist nicht Schrott, sondern wird in Figuren lebendig. Die Kunst ist zugleich körperliche Arbeit und Zerstörung, das Publikum Kollaborateur und Opfer.

Als Künstler-Häcksler habe er in die Geschichte eingehen wollen, die Schlagzeile »Künstler mäht Publikum und Garten nieder« habe er schon vor sich gesehen, und jetzt, zum Teufel, versage diese Stihl-Säge. Das Publikum bleibt heil, doch tatsächlich ist die Performance bei allem Witz, den Putze an den Tag legt, schwere Kost.

Es wird immer dunkler. Nur Putzes orangefarbene Warnweste, die er auf dem nackten Oberkörper trägt, leuchtet. Er tut nun etwas am unteren Ende des Gartens, es ist kaum zu sehen, man hört nur, wie er einen Spaten in den Boden rammt. Das rhythmische Aufstampfen klingt durch einen Verstärker wie Meeresrauschen. In Herrn Bauers Garten hebt sich der Künstler Thomas Putze ein Grab aus, legt sich hinein und fordert die Anwesenden auf, den Akt des Begrabens durch ihre Hilfe zu beschleunigen: »Kommen Sie, helfen Sie mir, das ist doch wie am Strand.« In einem dunklen Garten den Künstler Thomas Putze unter feuchter Erde verschwinden zu sehen, Mittäter seines Begräbnisses zu sein, mit der eigenen Hand Klumpen und Gras auf den kaum bekleideten Künstler zu legen oder gar zu werfen, ist eine Grenzerfahrung. Die eigenen Handlungskonventionen sind für einen Moment ausgehebelt. Aber was kann Kunst mehr bewirken als das.