Logo KulturRegion Stuttgart

01.05.2014

Ein Birnbaum in seinem Garten stand. Von Felix Huby

© raperonzolo / photocase.de

Ein Kurzkrimi von Felix Huby

Der alte Mann saß auf einer Bank an der fensterlosen Westseite des schmalen Häuschens und betrachtete den einzigen Baum, der in seinem Schrebergarten stand. Am Nachmittag hatte es ein wenig geregnet. Die noch feuchten Blätter des Birnbaums schimmerten rötlich in der milden Abendsonne. Die Früchte hatte Oskar Rombach längst geerntet. Rund um den Stamm lagen bereits viele bunte Blätter und langsam, ganz langsam gesellten sich neue dazu. Immer wieder löste sich eines und segelte zu Boden. In der kaum bewegten Luft schwankte es leicht hin und her, ehe es sich sanft zu den anderen legte. Der alte Mann zählte langsam mit, wenn er es schaffte, ein Blatt genau in dem Moment zu entdecken, da es sich löste. Meistens war er bei sechzehn oder siebzehn, wenn es die Erde erreichte.

Er saß oft auf dieser grob gezimmerten Bank. Meist starrte er nur in den Garten, ohne die Blicke auf etwas Bestimmtes zu richten. Zu jeder Jahreszeit saß er fast täglich Stunden lang hier. Im letzten Dezember hatte er sich sogar einmal regelrecht einschneien lassen. Ein Nachbar fand ihn, als schon der ganze Körper mit einer zehn Zentimeter dicken Schneeschicht eingehüllt war. Oskar Rombach hatte gelesen, der Kältetod werde von den Sterbenden als angenehm empfunden. Aber er starb nicht. Er lag nur drei Wochen lang mit einer schweren Lungenentzündung im Bett.

Es war nun fünf Jahre her, dass er hier eingezogen war. Alles hatten sie gemeinsam vorbereitet und angelegt: Links vom Plattenweg die Beete mit den Gemüsepflanzen, rechts mit Blumen und Büschen. Nur die Begrenzungshecke aus dichten Eibenbüschen hatte ein Gärtner gepflanzt. Als Oskar die wenigen Möbel in das Häuschen getragen hatte, war er immer wieder stehen geblieben, um die akkurate Pracht zu bestaunen. Alles war so geworden, wie Kathrin es geplant und wie sie es gemeinsam gestaltet hatten. Das sollte ihr künftiges Zuhause sein – weit weg von der lärmenden Stadt. Sein Altersruhesitz. Am Nachmittag hatte er sich ein wenig hingelegt. Und als er eine Stunde später aufgewacht war, hatte er vor der Couch einen Zettel gefunden. »Tut mir leid, aber ich verlasse dich. Kathrin.« Acht Worte. Mehr nicht. Später war noch ein Brief gekommen. Ohne Absenderadresse, »Du hast dir den Garten so sehr gewünscht, ich wäre dort lebendig begraben gewesen«, schrieb Kathrin. »Aber immer wenn ich mit dir darüber reden wollte, hast du nicht zugehört oder bist mir rüde über den Mund gefahren. Da hab ich gedacht: lass ihm seinen Willen, aber ich wollte nicht so leben.«

Und dann, an einem späten Herbstabend im letzten Jahr, einem Tag wie heute, stand sie plötzlich vor ihm. Er hatte hier auf der Bank gesessen und auf die Stelle unter dem Birnbaum gestarrt. Manchmal dachte er, hier müssten die schönsten Blumen blühen. Aber dann war, wie so oft, die Verzweiflung über seine Einsamkeit ihn ihm hoch gestiegen bis sie ihn im Hals gewürgt hatte. »Ich wollte sehen, wie `s dir geht in deinem Paradies«, hatte sie gesagt. »Es geht mir schlecht«, hatte er geantwortet und sich langsam erhoben. »Und wie geht es dir?« »Wunderbar! Ich habe mein Glück gefunden – spät zwar, aber…« Weiter kam sie nicht. Mit dem Spaten, mit dem er am Nachmittag das Gemüsebeet umgegraben hatte, schlug er zu. Und mit dem gleichen Spaten hatte er sie in der Nacht noch unter dem Birnbaum begraben.

Er hat sich gewundert, dass nie jemand nach ihr gefragt hatte. Jetzt zog er sein Handy aus der Brusttasche seines bunt karierten Wollhemdes und wählte die Nummer der Polizei.

 

Felix Huby ist Schriftsteller und Drehbuchautor, unter anderem für den Tatort. Sein Theaterstück »55 Sommer« wird in Böblingen aufgeführt.