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01.05.2014

Entschuldigung, ist da noch eine Party im Garten? Von Tim Holland

© Freerk Valentie

Tim Hollands nächtliche Begegnungen

Entschuldigung, ist da noch eine Party im Garten? Es geht durch nächtliche Straßen auf der Gänsheide, in den angeknipsten Raum und durch die Terrassentür Stufen hinunter und wieder hinaus. Aus dem Haus fällt Licht in den Garten. Halbdunkel. Knirschender Kies unter den Füßen. Die Bäume weiter hinten schlafen schon im Stehen, auch die Musik fehlt und von Tanz auf dem Grün kann keine Rede sein.

Aber die Dame vor mir ist noch munter, sie leuchtet von innen heraus, strahlt im sonnengelben Kleid. So ist sie fast Blume hier im Garten und um sie kreise ich. Im Zweifelsfall ist über das Wetter zu sprechen: Der Sommer lässt Stuttgart in diesen Tagen noch warten – bitte, sind Sie nicht zu leicht angezogen? Die schlanke Dame senkt schüchtern den Blick: ihr Kleiderschrank ist klein, sie trägt was sie trägt, zu jeder Jahreszeit.

Daneben steht ein Herr, groß und gut gewachsen, ja noch wachsend scheint er, übergroß, übermannt er mich, dass ein Gespräch auf Augenhöhe wohl kaum möglich ist. Schmal ist er in der Hüfte. Er steht und scheint bewegt. Ob er sich nicht zu tanzen traut? Die Brust schwillt ihm. Und nun scheint er sich in Gang zu setzen, bei aller Schwerfüßigkeit in Schritt zu kommen – und steht. So steht er, vorwärts gezogen und doch gehalten, bricht's ihm das Genick. Den Smalltalk spare ich mir.

Und drüben auch eine typische Partygestalt: die Müde, der Höhepunkt ist für sie bereits überschritten – vielleicht einen Drink zu viel gehabt? –, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, sitzt sie dort ganz in sich vertieft, dass sie nicht einmal bemerkt, wie ihr das Kleid schon über die Schulter rutscht. Der Stoff wäre doch zurechtzurücken und auch wenn sie greifbar ist, anfassen, das trau ich mich nicht.

Den Reflex unterdrückend, gehe ich weiter zu den drei Frauen, die zusammen im Gras hocken. Die hocken da, als würden sie immer da hocken. Da hock' ich mich dazu. Und wenn's was zu schwätzen gäb', wär auch zu schwätzen. Allein zu schwätzen gibt's nichts mehr. Mit ihnen ist der Garten zu überblicken.

Vor uns ein weiterer Übriggebliebener: ist der auch schon schlapp? Ein Kauernder, den Kopf zwischen die Schultern gesteckt, das eine Bein aufgestellt, das andere umgelegt, den Arm mit den Beinen verschränkt, zieht sich der Mensch zum Würfel zusammen. So optimiert er den Körper im Raum, dass der Raum um ihn wächst. Die Frauen neben mir tuscheln: Wenn ich ihn nicht mehr ansehe, faltet er sich einer Mimose gleich wieder auf.

Und da, über die Rasenfläche hinweg, ist auf der anderen Seite des Gartens doch noch ein letzter Tänzer zu entdecken. Kaum merklich, aber doch, hat er ein leichtes Wiegen in der Hüfte. Er praktiziert ein Dazwischen, ein gekonntes Dannnoch bis zum Nichtmehr und wieder zurück. Im Stehen swingt er und ist in der Schwingung im Gleichgewicht.

Genug. Es ist spät. Aber die Gäste sind nicht so leicht zum Gehen zu bewegen, sagt mir ein alter Bekannter am Ausgang, morgen sind sie wieder alle da – und auch alle Tage darauf.

 

Die Party wurde im Skulpturengarten der Galerie Valentien gefeiert.

 

Tim Holland, geboren in Tübingen, war 2013 Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und studiert am Literaturinstitut in Leipzig.