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01.05.2014

Erkenntnis, Ordnung und Vergnügen. Von Susanna Brogi

© Hauptstaatsarchiv Stuttgart N220 A72/4

Essay von Susanna Brogi

»… denn ein vollkommener Park oder, mit andern Worten, eine durch Kunst idealisierte Gegend soll gleich einem guten Buch wenigstens ebenso viel neue Gedanken erwecken, als es ausspricht.« Kein geringerer als der große Gartengestalter Fürst Hermann von Pückler-Muskau räsoniert hier über das glückliche Zusammenspiel von Kunst und Natur in einer für ihn vollendeten Gartenanlage: Wie der Genuss der schönen Literatur soll auch der Parkbesuch lehrreich und zugleich eine Quelle der Inspiration sein.

In vielfältiger Weise erleben wir Gärten und Parkanlagen als Orte des Vergnügens und der Entspannung, des Rückzugs und der Kontemplation, der anregenden Unterhaltung und Geselligkeit, aber auch der Bildung, der Belehrung und sportlichen Betätigung. Um diese so gänzlich verschiedenen Wirkungen zu erzielen, lässt sich seit den Anfängen der Gartenkunst ein die Zeiten überdauerndes Inventar architektonischer und künstlerischer Gestaltungsmittel feststellen: Der Strukturierung dienen ausgeklügelte Wegesysteme, spannungsreiche Höhenunterschiede und deutlich hervorgehobene oder bewusst zurücktretende Abgrenzungen durch Zäune, Hecken, Mauern oder Gräben. Variantenreiche Maßnahmen wurden ersonnen, um Wasser als das zentrale, das Leben spielerisch repräsentierende Element zu inszenieren. Farben- und formenreich ist das Register an Pflanzen, Skulpturen und Kleinarchitekturen, mit dem Gärten ausgestattet sind. Seit jeher sind diese Elemente und Verfahren dem Zeitgeschmack und ihrem individuellen Verwendungszeck gemäß abgewandelt und aktualisiert worden.

Schon frühe Mythen wie die Erzählungen um die Nymphen der Hesperiden vermitteln einen Eindruck von der zentralen Bedeutung von Gärten durch Schilderungen von Anlagen mit so kostbaren Schätzen wie goldenen Äpfeln, dass sie mit Macht vor der feindlichen Außenwelt beschützt werden müssen. Und der biblische Garten Eden wird als ein Ort der Freude und Entspannung geschildert, den Gott selbst gerne besucht. Doch es geht in Gärten bei Weitem nicht allein um Rekreation und um Fragen des Geschmacks. Die Schöpfungsberichte zeigen den durch zahlreiche Pflanzen und Bäume sowie durch Tiere aller Art belebten Garten als einen wohlgeordneten und gestalteten Bereich: Noch in den heute erhaltenen, symmetrischen Klostergärten und mittelalterlichen Kreuzgängen lebt die dort beschriebene Vierteilung des Gartens fort.

Das dahinter stehende Ordnungsverständnis, welches der Bibel folgend die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies bedeutet hat, hallt bis heute nach. Vor allem die Gartenkunst des Barock inszeniert dem absolutistischen Anspruch gemäß die Kontrolle über die Natur modellhaft in erster Linie durch einen regelmäßigen Gartenstil, wie er nicht nur in Versailles zu finden ist. Als wichtiges Gegenmodell hierzu entwickelt sich in der Folge der freier anmutende, demokratischen Ideen verpflichtete sogenannte »englische Gartenstil«, doch bei beiden Idealen zielt die gewählte Formensprache darauf ab, Besitzstand und Herrschaftsvorstellungen zu vergegenwärtigen. Selbst in den öffentlichen Stadtparks der Gegenwart, die die Bedürfnisse möglichst vieler Gesellschaftsschichten und Altersgruppen befriedigen sollen, repräsentieren Parkordnungen, Denkmäler und Kunstwerke das ihnen zugrunde liegende Machtverständnis.

In diesem Sinne verspricht jeder tiefere Blick in das grüne Buch einer Gartenanlage neben dem Lustgewinn auch einen Zuwachs an Erkenntnis und damit vielleicht den tatsächlichen Eintritt ins Gartenparadies.

 

Dr. Susanna Brogi ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, sie hat über den Tiergarten in Berlin promoviert und ist am Literaturarchiv in Marbach tätig.