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01.05.2014

Im Garten gedeihen Giersch und Glück. Von Barbara Bross-Winkler

©Barbara Bross Winkler

Barbara Bross-Winkler übt sich im Gärtnern

Ein Leben ohne Garten ist möglich, aber sinnlos. Auch so trifft Loriots Spruch vom Leben ohne Mops ins Schwarze. Zudem ist Gärtnern mega-in. Überall wird  gesät, gegraben, gehackt und geerntet. Vertikutiert und vereinzelt. Pikiert und gepfropft. Phlox, Pfingstrosen und Petersilie werden in Grünparzellen und Hinterhöfen gehegt, auf Hochhausdächern oder Mietäckern. Guerillagärtner lassen Großstadt-Grünstreifen erblühen, Senioren, Stadtneurotiker und Schriftsteller schuften im Schrebergarten. Sogar Michelle Obama wühlt in den Biotopen am Weißen Haus. Und ich schaffe auf meiner Scholle am Waldrand. Oft so lange, dass mein Mann befürchtet, ich könnte Ausläufer treiben. Warum tut man sich das an? Na, weil im Garten zwischen Giersch und Gänseblümchen ganz viel Glück wächst! 

Von Mai bis Oktober ist mein Garten wunderbar. Eine Zuflucht vor Stress, Feinstaub und Wahnsinn. Ein Dreiklang aus sinnlicher Schönheit, dezentem Duft und prachtvoller Pflanzen-Poesie. Ein Paradies. Finde ich. Mein Mann findet das nicht. Er ist nicht gerade berühmt dafür, ein wandelndes Gartenlexikon zu sein. Alles, was nicht exakt aussieht wie eine Erdbeere oder eine 20 Meter hohe Tanne, nennt er »Urgras«. Und so nässen schwankende Urgräser (Briza media, Heuchera, Alchemilla mollis) seine Hosenbeine auf dem Weg zum Gartentor. Urgras-Stacheln (Schneewittchen, Gertrude Jekyll, Kent) reißen auf seinem Weg zur Hängematte tiefe Wunden und das Urgras-Meer mitten im Rasen (Margeriten) stört ihn beim Rasenmähen. Ich sehe bei ihm noch viel Luft nach oben was das Gärtnerische angeht.

Wo dem Gatten tief wurzelnde Liebe zum Grün fehlt, würde ich mich am liebsten den ganzen Tag durch Gartenbücher und den Garten wühlen. An jenem Ort, wo der Gatte weder nützt noch ziert, sorge ich dafür, dass alles sprießt und gedeiht. Wo ihm die gestalterische Fantasie abgeht, hänge ich holden Tagträumen von der Zukunft unseres bunten Paradieses nach. Wie tadellos werden die Rabatten dereinst aussehen, wenn erst einmal alle Stauden ausgewachsen, alle Einjährigen aufgegangen und alle Schnecken eingegangen – oder wenigstens fortgegangen – sind! Wie neidvoll werden unsere Gäste staunen, wenn all das Realität geworden ist, was vor meinem inneren Auge schon so wahrhaftig wirkt! 

Die Wirklichkeit hält mit den vollendeten Vorstellungen noch nicht Schritt. Zwischen November und März will sich im Garten keine rechte Harmonie einstellen. Da schmerzt das Auge beim Blick auf zünslerzerfressene Buchskugeln, durch den Garten galoppierenden Hahnenfuß, kahle Rosenbüsche und kreuz und quer mäandernde Minze. Man könnte mit ein bisschen gutem Willen von der Magie des Provisorischen und Imperfekten sprechen. Vielleicht muss ich aber auch nur mal wieder innehalten, Sauzahn und Schneckenschere aus der Hand legen. Akzeptieren, dass der Weg zum Paradies so lang und kurvig ist wie im Beatles-Song. Und stattdessen einen Blick über den Gartenzaun werfen. Die Gelegenheit war nie günstiger.

 

Barbara Bross-Winkler ist Journalistin und schreibt eine Gartenkolumne für die Leonberger Kreiszeitung.