Backnang

 

Die Anfänge von Backnang liegen ebenso im Dunkel der Geschichte verborgen wie bei vielen anderen Orten auch. Erstmals in Erscheinung tritt Backnang im Jahr 1067 in einer Urkunde, in der man jedoch außer der Erwähnung des bloßen Namens nichts weiter Großartiges erfährt. Von überregionaler Bedeutung wurde der Ort erst dadurch, dass er um 1070 in den Besitz der Markgrafen von Baden gelangte, die hier ein Augustiner-Chorherrenstift einrichten ließen und Backnang für mehr als 100 Jahre zu ihrer Grablege machten. In den heiligen Hallen der um 1130 neu erbauten Stiftskirche, die heute noch die Hauptkirche der evangelischen Kirchengemeinde ist, erklangen bald die Gesänge der Augustiner-Chorherren – zum Lob Gottes und vor allem zum Lob für und Gedenken an die markgräfliche Familie, der man die Einrichtung des Chorherrenstifts zu verdanken hatte. Wie die Lobgesänge der Augustiner-Chorherren geklungen und welche textlichen und musikalischen Vorlagen sie benutzt haben, ist leider nicht mehr überliefert.

 

Um 1300 endete die badische Herrschaft über Backnang, als der Ort durch Heirat württembergisch wurde. Damit vollzog sich leider auch ein herber Bedeutungsverlust – von der Machtzentrale und dem geistigen Zentrum der Badener zu einem württembergischen Landstädtchen unter vielen. Einzig das weiterhin bestehende Augustiner-Chorherrenstift erlebte kurz vor seiner endgültigen Schließung im Zuge der Reformation noch einmal eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte, die unzertrennbar mit dem Namen des Probstes Petrus Jacobi, dem bedeutenden Erzieher und Ratgeber Herzog Ulrichs von Württemberg, verbunden ist. Sichtbarer Ausdruck für die kurze Phase der Prosperität zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren der Anbau des mächtigen spätgotischen Chors an die Stiftskirche und die Aufstellung einer ersten Orgel im Jahr 1503. Damit begründeten die Augustiner-Chorherren die Backnanger Kirchenmusik, die auch heute noch einen hervorragenden und weit über die Stadtgrenzen hinaus reichenden Ruf hat.

 

Allerdings blieb die Musik keineswegs auf den kirchlichen Bereich beschränkt: Wenn sich die hohen adeligen Herren, seien es die Badener oder später die Württemberger, mal wieder mit ihrem Gefolge in Backnang aufhielten, ist es unvorstellbar, dass keine Sänger und Spielleute die langen Abende kurzweiliger gestalteten. Für das 16. Jahrhundert sind außerdem Backnanger Trommler und Pfeifer überliefert, die bei den regelmäßigen Musterungen ins württembergische Heer einrückten und daneben aber auch in der Stadt selbst bei besonderen Anlässen auftraten. Spätestens seit der Reformation saß auch ein horn- oder trompeteblasender Hochwächter auf dem Stadtturm, der die Tradition der Turmbläser begründete, die bis heute jeden Sonntag vor dem Gottesdienst ihren freiwilligen Dienst tun.

Ganz im Sinne der schwäbisch-pietistischen Tradition blieb die Musik in Backnang jedoch lange Zeit auf die oben genannten Anlässe beschränkt, hatten die Bewohner der Stadt doch alle Hände voll zu tun, um in der Landwirtschaft oder im Handwerk ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem musste so manche Katastrophe bewältigt werden, wie etwa der von französischen Truppen gelegte Stadtbrand von 1693, der den Großteil der Stadt in Schutt und Asche verwandelte.

 

Erst das 19. Jahrhundert brachte dann viel Bewegung in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Backnangs. Die zahlreich vorhandenen Gastwirtschaften boten nun Tanzunterhaltung und Musikveranstaltungen an, selbst im Rathaus gab es einen Tanzboden, der häufig genutzt wurde. Um 1830 kam es zur Gründung eines Männergesangvereins, aus dem später der heute älteste Backnanger Verein, der Liederkranz, hervorging. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Backnang nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung, als sich aus kleinen Gerbereien große Lederfabriken mit vielen Arbeitsplätzen entwickelten, sondern auch eine Vielzahl von Vereinsneugründungen, nicht zuletzt im musikalischen Bereich. Es entstanden Vereine wie der Damenmusikkranz, die Gesangvereine Harmonie und Eintracht oder die Liedertafel, die sich neben dem Geselligen eben der Sangeskunst verschrieben hatten. Außerdem gab es natürlich auch Vereine, in denen die Instrumentalmusik im Vordergrund stand: Posaunenchor, Musikverein und sogar einen Zitherverein. Einige dieser Vereine sind auch heute noch aktiv und können damit auf eine langjährige Tradition zurückschauen. Eine Besonderheit in dieser Hinsicht ist die aus dem Musikverein hervorgegangene Stadtkapelle (heute: Städtisches Blasorchester), deren Dirigent bis heute städtischer Angestellter ist.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlebte die Stadt Backnang dramatische Veränderungen: Durch den Zuzug der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen entwickelte sich die beschauliche Kleinstadt mit zuvor knapp 10.000 Einwohnern zu einer Industriestadt mit heute rund 36.000 Einwohnern. Der wirtschaftliche Schwerpunkt verlagerte sich hin zur Nachrichtentechnik und weg von der einstmals so dominierenden Lederindustrie, von der kaum noch etwas übrig ist. Durch die Ansiedlung der High-Tech-Industrie veränderte sich die zuvor eher provinziell-pietistisch geprägte Backnanger Gesellschaft erheblich, da nun auch höher qualifizierte Jobs in größerer Anzahl angeboten wurden. Diese Faktoren führten nicht zuletzt dazu, dass es in Backnang heute ein vielfältiges kulturelles Angebot und zahlreiche Vereine und Organisationen, nicht nur im musikalischen Bereich, gibt.

 

Eine Besonderheit ist dabei sicher das Backnanger Straßenfest: Seit 1971 bevölkern alljährlich tausende Besucher die Gassen der Backnanger Altstadt und genießen die unterschiedlichste Musik, die auf zahlreichen Bühnen geboten wird. Beim traditionellen Nachwuchsfestival können Einzelinterpreten und Bands ihr Talent auf der Bühne am Obstmarkt beweisen und dann möglicherweise, wie der Gewinner des ersten Wettbewerbs im Jahr 1971, Wolle Kriwanek, eine große Karriere starten.

 

 

Verfasser:

Stadt Backnang

Kulturamt

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