Logo KulturRegion Stuttgart

Bäume, Hecken und Blumen

Viele Freundinnen fragen mich, warum ich nicht in die Türkei zurückgehe, es ist doch so schön dort. Und ich sage dann immer »Schönheit macht nicht satt.« Vielleicht, wenn ich in Rente bin, werde ich mal für ein paar Monate Urlaub dort machen. Aber meine Heimat bleibt hier.

Ich habe so viel zu erzählen.

Ja. Ich hatte ein bewegtes Leben bisher.

Ich bin in der Türkei geboren. Ich komme aus Trabzon am Schwarzen Meer.

Mein Vater hat auf einem Schiff gearbeitet und meine Mutter in einer Fischerei.

Als ich 14 war, 1972, sind wir nach Deutschland gekommen.

Das war das erste Mal, dass ich Zug gefahren bin.

München war die erste große Stadt nach Istanbul, die ich gesehen habe.

Zunächst sind wir nach Bremerhaven gegangen.

Mein Vater hatte mir versprochen, dass ich hier gute Chancen zum Studieren haben würde.

Ich wollte die Schule fertig machen und studieren, aber meine Eltern hatten viele Schulden.

Ich habe immer gefragt: »Wann meldest du mich für die Schule an?«

Aber irgendwann hat er gesagt: »Vergiss die Schule. Geh’ lieber arbeiten und Geld verdienen.«

Also habe ich mit 14 angefangen, bei einer Wäscherei zu arbeiten. Das ging damals anscheinend einfach so.

Ein Jahr später kamen wir nach Baden-Württemberg.

Ich war total erstaunt. Hier waren auf einmal so viele Türken. Der Busfahrer, der Nachbar, überall. Ich habe mich gefühlt wie in der Türkei.

Ich und meine Mama sind von einer Fabrik zur nächsten gegangen, um Arbeit zu suchen.

In Bietigheim-Bissingen hat uns eine kleine Metall-Firma gemeinsam angestellt.

Mit 15 wollte ich unbedingt auf die Abendschule, um Nähen zu lernen.

Nachdem ich ein paar Mal dort war, habe ich am Bahnhof einen Jungen getroffen.

Wir haben auf den gleichen Zug gewartet. Wir hatten Blickkontakt und haben uns kennengelernt. Eines Abends hat mein Vater uns gesehen. Er hat dann bestimmt, dass ich den türkischen Nachbarsjungen heiraten muss. Meine erste große Liebe habe ich nie wieder gesehen.

Seit 1993 arbeite ich bei der städtischen Gärtnerei in Kornwestheim. Das heißt, seit über 25 Jahren »pflege« ich die Stadt und präge in gewisser Weise, wie sie aussieht. Das macht mir Freude. Und es macht mich auch stolz. Ich habe viel geschafft in meinem Leben.

Ich liebe die Arbeit mit den Händen und das Draußen-sein in der Natur.

Ich weiß, wo welche Bäume, Hecken und Blumen sind.

Mir geht es gut hier.