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Beweglich bleiben

Was ich früher mit »Es muss sein!« gemacht habe, mache ich heute, indem ich auf meinen Körper horche, und auf einmal geht es. Es ist auch ganz schön, nicht mehr üben zu müssen.

Ich habe sehr spät angefangen, Geige zu spielen. In meiner Familie gab es großen Widerstand dagegen. Vor allem von meiner Oma, die gesagt hat: »Mädchen spielen nicht Geige, das spielen nur die Zigeuner.«

In der Schule hatte ich dann Flötenunterricht, und der Lehrer spielte auch Geige. Der hat meine Eltern dann bearbeitet und überzeugt. Er kam dann zu uns nach Hause und hat mich unterrichtet. Leider konnte dieser Lehrer mir keine gute Technik beibringen, das war auch der Grund, warum ich später eine Sehnenscheidenentzündung bekommen habe.

Da habe ich gelernt: Wenn etwas falsch angelegt ist, und wenn man das wie ich dann gewaltsam um-ändern will, kann das nicht gut gehen.

Ich habe gelernt zu erkennen, wenn etwas falsch ist, und ich glaube, deswegen bin ich eine gute Geigenlehrerin geworden. Bei meinen Schülern habe ich immer darauf geachtet, dass sie es von Anfang an richtig machen. Und durch meine Erfahrungen, glaube ich, konnte ich das ganz genau erklären.

Eine meiner letzten Schülerinnen wollte selber Musik studieren. Wie ich, auch ein bisschen gegen den Widerstand ihrer Eltern. Alle haben ihr davon abgeraten, weil sie so ein tolles Abitur geschrieben hatte. Dann kam sie zu mir und fragte mich, was sie denn jetzt machen solle. Und ich hab ihr dann geraten: »Wenn du das wirklich möchtest, dann probier’s doch einfach. Bewirb dich an verschiedenen Schulen und geh zu den Professorinnen.« Denn ich finde, dass das ein persönlicher Kontakt sein muss. Das war mir selbst auch immer wichtig. Sie hat dann Musik studiert und ist mittlerweile sehr erfolgreich. Zu ihr hatte ich noch lange Kontakt.

Letztes Jahr hatte ich einen Unfall und war dadurch gezwungen, mit dem Unterrichten aufzuhören. Bei einem Sturz habe ich mir die Schulter ausgekugelt und die Sehne verletzt, so, dass man das nicht operieren konnte. Und da habe ich mich entschlossen, einen radikalen Schnitt zu machen und mit der Geige ganz aufzuhören. Das hat mich auch erleichtert. Jetzt genieße ich es sehr, Musik zu hören anstatt zu spielen. Und irgendwie ist es auch ganz schön, nicht mehr üben zu müssen.

Dadurch, dass ich mich mit meinen Grenzen auseinandergesetzt habe, bin ich beweglicher geworden. Ich bin jetzt viel beweglicher als früher. Was ich früher mit Gewalt und »Es muss sein!« gemacht habe, mache ich heute, indem ich auf meinen Körper horche, und auf einmal geht das.