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Das Erschrecken, das der Liebe innewohnt

Wenn man richtig leidet an seiner Liebe. Wenn man sich selbst nichts Gutes tut. Wenn es schlecht für mich ist, aber ich nicht davon loskommen kann. Da können einem die Zeilen von Mörike vielleicht helfen.

Ich bin Performance-Poet und arbeite auf Konzert-, Literatur- und Kleinkunstbühnen. Diese Arbeit beinhaltet das Ausdenken von eigenen Texten und das Auftreten damit. Als Schüler hatte ich eine frühe Neigung zu Gedichten und Versen, speziell denen von Hölderlin, Schiller und Mörike. Das waren meine großen Vorbilder. Als junger Mensch war ich sehr rückwärtsgewandt und schwärmerisch, fast schon pubertär vergangenheitssüchtig.

Ich bin in Kirchheim unter Teck aufgewachsen. Als Kind war ich oft wandern im Albtrauf um die Teck herum. Diese Landschaft verknüpft mit den Gedichten von Mörike, das hat mich fasziniert. Dazu der Mythos vom unglücklichen Dichter, der in derselben Landschaft umhergelaufen ist. Das war eine Figur, die mich berührt hat. Auch ich war immer an einem sagenhaft mythischen Dichten interessiert. Fast schon verzweifelt als Jugendlicher. Mörike war so etwas wie eine Gründungsfigur meiner geistigen Entwicklung.

Mörike hat sich als Student in das Schankmädchen Maria Meyer verliebt. Aber er musste seiner Familie zuliebe, die mit Ach und Krach zur gehobenen Schicht in Ludwigsburg gehörte, die Beziehung kappen. Sie hatten eine Liebschaft in den Osterferien 1823, er löste die Beziehung auf und dann ist ihm Maria Meyer nach Tübingen nachgereist. Sie wollte ihn noch mal sprechen, aber er hat sich ihr verweigert. Er hatte den Familienschwur geleistet, dass er sich nicht mehr auf sie zubewegen wird. Stattdessen entsteht in diesen Tagen das erste der Peregrina-Gedichte, in dem es um die Verstoßung dieses Mädchens geht.

»Und mit weinendem Blick, doch grausam,
Hieß ich das schlanke,
Zauberhafte Mädchen
Ferne gehen von mir.«

Sie kehrt sich von ihm ab und gerät, in seiner literarischen Verarbeitung, in den Wahnsinn. Sie wird für ihn zu einem Sinnbild einer unmöglichen Liebe. Das ist das Trauma seiner Jugend. Ich frage mich: »Was ist das für eine Welt, in der sich dieser Mensch bewegen musste? Was war das für eine Gesellschaft, die solch eine Beziehung nicht akzeptieren konnte?« Mörike hat ein Leben lang an diesen Gedichten gefeilt. Die waren nie fertig.

Ich denke, dass einem die Gedichte auch heute etwas sagen, wenn man jung ist und sich unglücklich verliebt hat.

Ich habe Mörike in meiner Jugend sehr geliebt und verehrt. Mörike ist auch jetzt immer noch besonders für mich, weil er moderner ist, als man denkt. Er hat seine Zeitgenossen verstört. Er hat innerhalb der Konventionen, die er nicht verlassen konnte, abgründig gedichtet. Mörike hatte die Gabe, den bürgerlichen Boden auf ganz subtile Weise aufzureißen und in den Keller hinunterzusteigen. Er beschreibt so schön das Erschrecken, das der Liebe immer innewohnt.