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Das Schweigen brechen

Die Domnicks waren ein Ärzteehepaar mit einer Praxis für Neurologie und Psychiatrie. Ihre Idee, Frieden über Kultur zu schaffen, setzen sie in einem Film um.

Die Domnicks waren ein Ärzteehepaar. Sie hatten eine Praxis für Neurologie und Psychiatrie – wobei das Interessante ist, dass auch Frau Domnick Fachärztin ist. Das war zu dieser Zeit etwas Besonderes. Sie ist 1909 geboren, er 1907.

Der junge Herr Domnick interessierte sich sehr für Kunst, doch er wuchs in einem sehr konservativen Elternhaus auf, da war das tabu. Er studiert dann Medizin in Paris und Berlin und bekommt dort endlich die Möglichkeit, die Museen zu besichtigen. Über diese Zeit schreibt er später: »Da bin ich ein anderer geworden. Glücklicher. Offener.« Also die Kunst macht was mit ihm.

Seine Frau kommt aus einer modernen Familie; ihr Vater lässt sie studieren und zur Fachärztin ausbilden. Während der Facharzt-Ausbildung lernen sich die beiden kennen. Sie heiraten 1938. 1939 muss er dann in den Krieg. Während er als Arzt im Lazarett in Russland arbeitet, führt sie in Stuttgart die Praxis weiter. Als 1944 die Bomben fallen und das Haus zerstören, findet sie einen neuen Ort für die Praxis. Als Herr Domnick 1945 merkt, dass der Krieg vorbei ist, flieht er mit einem Fahrrad. Er fährt nachts, tagsüber versteckt er sich, hat Angst von der SS erwischt und als Deserteur erschossen zu werden. Zurück zu Hause findet er die ausgebombte Stadt und an der Stelle, an der die Praxis war, ein Schild mit der neuen Adresse. Dort trifft er seine Frau wieder.

In den folgenden Jahren entwickelt sich um die Domnicks und ihre Wohnung eine Community aus Künstler*innen, Kurator*innen und Sammler*innen. Sie organisieren Ausstellungen, Gespräche und treiben so die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg voran. Damit verfolgen sie eine unglaubliche Friedensmission: die Idee, dass man Frieden über Kultur schaffen kann. Die abstrakte Malerei setzt sich immer weiter durch; sie war die Antwort auf den Zivilisationsbruch durch den Zweiten Weltkrieg und provozierte die Gesellschaft, die sich nach Ruhe und Struktur sehnte und sich nicht mit dem Geschehenen auseinandersetzen wollte.

Die Domnicks treiben diese Auseinandersetzung voran und beginnen, Filme zu drehen. In ihrem Film »Jonas« geht es um einen jungen Mann, der in der Hölle des Kriegs war und ausgespült wird in eine Gesellschaft, die er nicht erträgt. Der schwer traumatisierte Mann kann mit seiner Angst und Schuld nicht am Leben teilnehmen und muss immer wieder fliehen. In dem Film inszenieren die Domnicks die inneren Stimmen des traumatisierten Jonas. Als Psychotherapeuten kennen sie die individuellen Probleme der Menschen nach dem Krieg. Mit dem Film brechen sie das Schweigen einer Gesellschaft. 1957 bekommen sie dafür den Bambi.

Heute ist die Villa der Domnicks immer noch ein Ort, an dem vermittelt wird, was es bedeutet, als Mensch in einem faschistischen Regime zu leben. Ein Ort, an dem durch die Werke und Biographien der Künstler*innen vermittelt wird, was es bedeutet, wenn es keine Demokratie mehr gibt. Das kann man in den Bildern sehen. Und deswegen haben die Domnicks sie gesammelt.