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Das Wichtigste ist: Der Umweg zum Hauptweg.

Es ist wie im Märchen. Man muss durch ein Gestrüpp wandern und sich nicht abbringen lassen. Auch wenn man nicht weiß, welche grüne Wiese einen erwartet – durch das Gestrüpp muss man durch, das weiß man auf jeden Fall. Denn wenn man zu viel erwartet, ist das nicht immer sehr hilfreich.

Ich wurde am 3. Oktober 1919 geboren. Dieses Jahr werde ich 100 Jahre alt. Als junge Frau habe ich beim Kunsthaus Schaller in Stuttgart gearbeitet, als Kunsthändlerin. Dort habe ich auch meinen Mann Fritz Ruoff kennen gelernt. Da mein Beruf als Kunsthändlerin 1942 nicht wichtig war für das Kriegsgeschehen, wurde ich zur Wehrkreisverwaltung als Sekretärin eingezogen. Eines Morgens ging das Telefon: »Fräulein Scholl, Telefon für Sie.« Und ich dachte mir: »Wer ruft mich jetzt da am Morgen an?« Und dann sagte jemand: »Guten Morgen, Frau Ruoff.« Das war der Heiratsantrag meines Mannes. Dann haben alle gedacht, dass ich bald ein Baby bekomme. Das habe ich bis heute noch nicht.

Zu meinem Mann bin ich dann nach Nürtingen gezogen und habe in der Metzgerei und Gastwirtschaft seines Vaters gearbeitet.

In Nürtingen lernte ich Menschen kennen, die Freunde und Begleiter meines Lebens wurden. Und das verdanke ich in erster Linie meinem Mann und natürlich auch mir selbst.

Nach dem Krieg sagte Frau Paula Planck, eine frühere Stadträtin, zu mir: »Frau Ruoff, wir müssen etwas für die Flüchtlinge tun, die lesen sogar Telefonbücher.« In einem Raum eines leerstehenden Gebäudes habe ich dann begonnen, eine Leihbücherei aufzubauen. Dort gab es Werfel, Exupéry, Thomas Mann usw. Aber auch die Kitschromane, wo der Graf ein Bauernmädchen heiratet, und Kinderbücher, Kriminalromane und Wild West. Alles, nur keine Dritte-Reich-Literatur. Auf gar keinen Fall.

In meine Leihbücherei kamen auch Schüler. Unter anderem der junge Peter Härtling. So einen lesehungrigen Jungen hatte ich noch nie erlebt. Mein Mann und ich luden ihn dann zu uns ein. Und der Junge kam und wurde uns lebenslang ein Freund.

Mein Leben in und mit der Kunst und seinen Menschen hat mich geprägt und prägt mich heute noch.

Das hat sich alles ergeben, weil ich alles wollte und gar nichts. Das Wollen ist nicht das Besitzen-wollen, sondern die Idee: das Engagement.