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Diagnose: »Süddeutschland wäre optimal«

Wir haben immer noch Kontakt. Das ist immer nett, auch die können sich alle noch erinnern, wie das war, als ich nach Deutschland gekommen bin.

Meine Ankunft in Deutschland war so eindrucksvoll für mich, dass ich mich immer noch daran erinnere – obwohl das schon so lange her ist.

Meine Eltern und ich kamen 1966 nach Deutschland, in einer Zeit, in der viele Gastarbeiter hierher gekommen sind. Aber nur einzelne Personen – keine Familien. Meine Eltern waren keine typischen Gastarbeiter, mein Vater hat in Spanien bei der Eisenbahn gearbeitet, er hatte eine sichere Arbeitsstelle.

Uns ging es sehr gut in Spanien! Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater mich jeden Mittag auf die Stange von seinem Fahrrad gesetzt hat. Wir sind zum Meer gefahren, um eine Viertelstunde zu schwimmen, und dann wieder zurück zum Mittagessen.

Aber mir ging es gesundheitlich nicht gut. Wir kamen aus Nordspanien, da ist das Klima feucht und nass und ich hatte Probleme mit meinen Bronchien. Und der Arzt, der mich behandelt hat, hat zu meinen Eltern gesagt, ich müsse in ein anderes Klima. Der Arzt hat gesagt, Süddeutschland wäre optimal. Meine Mutter war immer sehr abenteuerlustig, die hat gesagt: »Kommt, dann gehen wir da hin«. Das war sehr abenteuerlich, wie wir angekommen sind an dem Bahnhof, es gab ja auch keine Übersetzer usw. Man hat was zu Essen bekommen, das war fremd für uns und nicht gerade schmackhaft. Aber da gewöhnt man sich dran, heute koche ich selber spanisch und schwäbisch.

Als wir dann in Stuttgart ankamen, haben wir sehr hilfsbereite und freundliche Menschen getroffen, die haben uns dann in den Zug nach Kirchheim gesetzt.

In der Schule waren auch alle sehr freundlich zu mir. Alle haben sich sehr bemüht. Für die anderen Schüler war ich eine Art Paradiesvogel. Zu dieser Zeit war ich, glaube ich, das einzige ausländische Kind in Kirchheim. Das war wirklich toll. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass jemand Spanisch gesprochen hätte. Alle anderen Gastarbeiter haben ihre Kinder ja in der Heimat gelassen. Und meine Eltern waren ja wegen mir gegangen. Für meine Eltern war das hart, ich fand das alles eher abenteuerlich. Dadurch, dass ich so ins kalte Wasser geschmissen wurde, habe ich die Sprache unheimlich schnell gelernt. Jeder wollte mit mir sprechen und versuchen, sich mit mir zu verständigen, jeder wollte helfen. An eine Sache erinnere ich mich noch, das werde ich nie vergessen: Damals gab es in der Schule so eine Art Kaba oder Milch und die anderen Schülerinnen haben mir das sofort erklärt und jeder wollte darauf verzichten, damit ich das probieren kann. Denn man musste das eine Woche im Voraus bestellen. Oder in der Pause, da kam immer ein Bäcker und alle waren ganz heiß darauf mir zu zeigen, wie das geht und was ich essen soll, das werde ich nie vergessen. Alle waren ganz scharf auf Laugenbrötchen mit Schaumkuss drin, ich fand das nicht so lecker.

Heute treffe ich meine Klassenkameradinnen immer noch.