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Die eigene Handschrift

In meinen Kursen höre ich immer wieder: »Es beruhigt mich so sehr.« »Es entspannt mich.« Klar, am Anfang ist es anstrengend, aber dann entspannt es die Leute. Man könnte es wahrscheinlich sogar als Therapie verkaufen. Es gibt Struktur. Das ist schon etwas besonderes.

Ich bin Malerin und Kalligraphin.

Ich hatte in Rumänien viel für deutschsprachige Verlage gearbeitet und viele Bücher illustriert.

Jetzt bin ich in Winnenden.

Ich hätte mir die Stadt wahrscheinlich nicht ausgesucht, aber ich wohne seit über 40 Jahren hier.

Vorurteile sind Erfahrungen, die wir noch nicht gemacht haben.

Ich bin hierher gekommen und hatte auch vor, weiter für Verlage zu arbeiten und zu illustrieren. Aber hier habe ich eiskalten Kapitalismus kennengelernt.

Ich komme mit meinen Büchern zu einem Verlag in Stuttgart. Der Art Director schaut sie sich an und
sagt: »Ja, wir wissen, wie im Osten gearbeitet wird. Lassen Sie sie hier, wir melden uns.« – »Nee, ich lasse sie nicht hier. Nee.«

Es war so eine schnöde, eiskalte, überhebliche Art. Das konnte ich nicht ertragen. Ich war gewöhnt, dass der Verlag mich anruft und fragt: »Haben Sie vielleicht Zeit? Wir hätten gerne wieder eine Illustration von Ihnen.«

Und hier gehe ich sogar zum Verlag hin und zeige meine Arbeiten und dann sind sie so respektlos. Naja, aber ich hatte noch mehr in petto.

Also habe ich mich auf freie Malerei und Graphik konzentriert und habe viele Ausstellungen gemacht. Also im Schnitt ca. 2–3 Ausstellungen im Jahr mit meinen Arbeiten. Im ganzen Bundesgebiet und im Ausland. Das ging gut.

Gar nicht mal so viel in Galerien, es waren meistens öffentliche Gebäude: Rathäuser, Banken, Landratsämter.

Das ging wunderbar.

Ich habe nicht so amerikanische Action-Painting-Sachen gemacht, sondern eher Figuren. Man konnte etwas erkennen. Da habe ich zeitweise ganz gut verkauft.

Ich gebe Kalligraphie-Kurse an der Volkshochschule.

Das lief so: Ich habe einen Englisch-Kurs belegt und der Leiter hat gesehen, was ich so studiert hatte und meinte: »Wollen Sie nicht hier Kurse geben?« – »Ja, aber nicht mit Jugendlichen und nicht mit Kindern.« Das war meine Bedingung und seither gebe ich diese Kurse.

Man sieht heute, wie die geschriebene Schrift verloren geht. In den Schulen und überall. »Irgendwann müssen die sowieso nur noch tippen«, sagen die Lehrer.

Aber die Kalligraphie-Kurse haben Zulauf. Und es gibt einen großen Diskurs darüber, was dahinter steckt, die Handschrift zu pflegen oder zu vernachlässigen.

Ich glaube, es wäre sehr wertvoll, wenn Lehrer, Schüler und überhaupt die Gesellschaft sich wieder mehr mit ihrer Handschrift befassten.