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Die Geschichte vom schlechten Mehl

Ich bin kein Müller geworden und trotzdem ist das meine Lieblingsgeschichte, weil ich für meine eigene Selbständigkeit daraus einiges über den Umgang mit Problemkunden gelernt habe. Wahrnehmung kann man manipulieren.

Ich bin in der Lahrensmühle geboren. Die Mühle wurde 1350 erstmalig erwähnt. Das Gebäude stammt von 1576. Bis in die 1960er Jahre war die Mühle, trotz der Mühlenstilllegungsgesetze der 50er Jahre, noch in Betrieb. Ich habe in meinen jungen Jahren auch noch mitgeholfen. Eine Mühle ist ein Familienbetrieb.

In unseren Familienbesitz ist die Mühle 1908 gelangt. Mein Großvater Emil Lautenschlager hat sie ersteigert. In den frühen 50er Jahren war mein Vater Müllergeselle
bei meinem Großvater Emil.

Einmal stehen Vater und Großvater in der kühlen Jahreszeit vor der Mühle und sehen, wie ein als streitsüchtig bekannter Kunde wutentbrannt auf die Mühle zuläuft. Sein Ärger scheint berechtigt: Der Hefeteig sei nicht aufgegangen und das kann logischerweise nur am Mehl liegen – so der Kunde. Das restliche Mehl, in einem Mehlsack verpackt, wirft er dem Großvater vor die Füße und fordert umgehend neues, besseres Mehl.

Der Großvater zeigt sich verständig und verspricht neues Mehl. Was der Großvater weiß: Das Brot wurde wahrscheinlich von der Frau im Haus vorbereitet und in Brotkörbchen gepackt. Dabei bringt die Hefe den Teig über Nacht in der Wärme der Küche zum Aufgehen. Tags darauf werden die Brotkörbchen mit dem schön aufgegangenen Brot auf den kleinen Leiterwagen gepackt und zum Backhaus gefahren, wo sie – speziell in der kalten Jahreszeit – sofort in den Ofen gesteckt werden müssen.

Dieser Produktionsprozess kann aber nachhaltig gestört werden, wenn die Frau auf dem Weg zum Backhaus Bekannte trifft. Beim Ratschen vergeht dann viel Zeit und der schön aufgegangene Brotteig »hockt dann zusammen«. Ergebnis bekannt. Sehr verständlich, dass man das nicht dem jähzornigen Ehemann erzählt.

Zurück zum Großvater: Der bedeutet meinem Vater mitzukommen. Beide steigen samt dem Mehlsack in den Aufzug der Mühle und fahren ins Obergeschoss. Doch statt das Mehl umzufüllen wartet Großvater einfach drei Minuten ab. Der gebrummte Kommentar »Bass auf ez’ lernsch was« muss dem Vater genügen. Die Beiden fahren mit dem völlig unveränderten Mehlsack nach unten und überreichen dem nun zufriedener dreinschauenden Kunden sein vermeintlich ausgetauschtes Mehl. Der Vater ist skeptisch, der Großvater schmunzelt.

Die Rückmeldung kommt Wochen später, als der nun letztlich zufriedene Kunde wieder in die Mühle kommt. »Diesmal war’s ein besseres Mehl – warum nicht gleich so!«. Die Frau wird beim nächsten Mal direkt ins Backhaus gegangen sein, ohne sich auf dem Weg zu verquatschen.

Wir nutzen die Mühle nun nur noch als Wohnraum und als Veranstaltungsort. Wir haben alles denkmalgerecht renoviert. Die nachfolgenden Generationen der Familie Lautenschlager werden auch in die Mühle einziehen. So setzen wir eine Tradition fort.