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Ich hab nie darüber nachgedacht hier weg zu gehen.

Überall ist gut Brot essen, wenn’s Brot gibt. Heimat war das hier immer.

Ich bin 1944 geboren. Ich war 12 Tage alt, als hier der Luftangriff war. Meine Mutter lag noch im Wochenbett. Als um das Rathaus herum alles gebrannt hat, haben sie mich in einem Wäschekorb in den Bunker getragen. In solchen Situationen hatten alle ihre Aufgaben und Pflichten. Wenn was los ist, hat jeder sein Ding zu erledigen.

In der Nacht hat alles gebrannt. Das war ein Flächenangriff, der hat in Waldenbuch angefangen und am Fasanenhof aufgehört. Mußberg, Echterdingen, Leinfelden, alles hat gebrannt.

Mit dieser Nacht hat es für mich aufgehört, dass ich Muttermilch bekommen habe. Meine Mutter war so geschockt, dass das nicht mehr ging. Aus mir ist trotzdem was geworden.

Meine Eltern hatten eine Bäckerei. Meine Ausbildung zum Bäcker und Konditor habe ich in Vaihingen gemacht. Damals hat man als Lehrling noch in der Bäckerei geschlafen. Und am Wochenende bin ich immer heimgekommen.

Als ich mit der Ausbildung fertig war, habe ich in der Bäckerei meiner Eltern angefangen.

In dieser Zeit habe ich meine Frau kennengelernt. Sie hat den Todesmarsch von Brünn nach Wien gemacht. Zu Fuß, mit nichts, nur das, was sie am Körper hatten. Zuhause in Tschechien hatten sie eine große Bäckerei. Aber sie haben alles verloren.

Über Umwege ist sie in Stuttgart gelandet. Ich habe sie kennengelernt über einen Bekannten an der Berufsschule.

1976 habe ich mit meiner Frau zusammen die Bäckerei von meinen Eltern übernommen. Zu dieser Zeit gab es keine Arbeitskräfte. Viel Arbeit, aber keine Leute. Also musste man eigentlich alles selber machen.

Das ganze Leben war von Arbeit geprägt. Freizeit war klein geschrieben.

Gott sei Dank haben die Kinder die Bäckerei nicht übernommen, sonst müssten wir sicher heute noch immer wieder einspringen.

Man hat immer gesagt, es sei überall gut Brot essen, wenn’s Brot gibt. Heimat war das hier immer. Ich hab nie darüber nachgedacht hier weg zu gehen. Ich habe das nie so erfahren wie meine Frau, mit Hunger, mit allem, wir waren immer daheim, das Notwendigste hatten wir, wir waren auch nicht reich, aber zu essen hatten wir immer.

Meine Frau und ich waren den ganzen Tag zusammen, in der Bäckerei, wir haben sehr eng zusammengearbeitet. Wir mussten immer funktionieren.

1995 haben wir die Bäckerei verkauft. Dann haben wir angefangen zu reisen. Sizilien, Sardinien, Thailand, Vietnam, USA, Kolumbien, Azoren. Wir waren auf Malta, in Japan, Namibia.

Da haben wir einiges nachgeholt.