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»Ich hab nie was versprochen, weil ich nicht wusste, ob ich es halten kann. Aber ich hatte auch nichts zu verlieren.«

Früher hieß ich anders. Früher war ich Frau Glavaš. Unter diesem Namen kennt man mich in Leonberg. Ich habe als Betriebsrätin dafür gekämpft, dass der Bosch-Standort hier in unserer Stadt erhalten bleibt. Und ich habe gewonnen.

1975 bin ich mit meinem damaligen Mann aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen und trotzdem einen Job bei der Firma Motometer bekommen. Ein Zulieferbetrieb für die Autoindustrie, der Mess- und Anzeigeinstrumente herstellt. Irgendwann bin ich Betriebsrätin geworden. Mich hat jemand überredet, dass ich mich zur Wahl auftstellen lasse.

Motometer ist 1991 eine 100%ige Tochter von Bosch geworden und verkündete am 25. November 1995, dass unsere Fertigung nach Reutlingen verlegt werden soll und die Entwicklung nach Schwieberdingen.

Niemand sollte entlassen werden. Aber alle Mitarbeiter sollten nach Reutlingen pendeln. Frauen mit Männern in Schichtarbeit, Alleinerziehende, Frauen mit Migrationshintergrund ohne Führerschein – das war überhaupt nicht möglich.

Wir haben sofort die Presse informiert und ab diesem Zeitpunkt haben wir nicht aufgehört mit Kundgebungen, Informationsveranstaltungen und Protestaktionen. Dabei wurden wir von der IG Metall unterstützt und auch vom Oberbürgermeister von Leonberg. Bäcker, Metzger, Friseure, Tante-Emma-Läden – alle haben uns unterstützt.

Gemeinsam mit der IG Metall hatten wir eine Strategie ausgearbeitet. Wir haben nicht nur protestiert, sondern auch verhandelt. Insgesamt haben wir drei Sozialpläne und Interessensausgleiche mit Bosch vereinbart. Wir haben über alles verhandelt, nur nicht über Entlassungen.

Beim ersten Gespräch mit der Geschäftsleitung von Bosch habe ich so einen Hustenanfall bekommen, dass ich fast keine Luft mehr bekommen habe. Der Arbeitsdirektor sagte daraufhin: »Bringen sie die Frau zu einer Krankenschwester, die stirbt hier!« Ich habe geantwortet: »Nein, ich sterbe nicht, ich bin noch nicht fertig mit Bosch.« So haben sie mich kennengelernt.

Ich sehe noch die Gesichter vor mir bei den Betriebsversammlungen, voller Vertrauen darauf, dass ich es kann. »Eine kleine Ausländerin kommt daher und kämpft gegen den mächtigen Bosch.« Der Zusammenhalt war bombastisch, das hat mir Flügel gegeben, sonst hätte ich das nie bewältigt. Diese Jahre haben aus mir einen ganz anderen Menschen gemacht.

Bis 1998 haben wir gekämpft. Dann war klar, der Standort bleibt. Wir haben uns auf einen Strukturwandel geeinigt. Leonberg ist Entwicklungsstandort geworden.