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»In der Erinnerung verklärt man die Vergangenheit immer ein Stück weit.«

»Wo eine Kirche ist, da ist ein Gasthaus in der Nähe«, sagt ein lettisches Sprichwort.

Ich habe es schon als Kind immer als schlimm angesehen, wenn man vor Entscheidungen gestellt wird. »Willst du von dem einen oder dem anderen trinken?« Von beidem, wenn es geht.

Ich bin in Esslingen geboren. Trotzdem bin ich einer der Letten, die hier sind.

In der Erinnerung verklärt man die Vergangenheit immer ein Stück weit.

Die Nachkriegsjahre nach 1945 waren ja schon schwere Zeiten. Aber als Kind nimmt man das nicht unbedingt so wahr.

Bis zum Alter von 6 Jahren habe ich nur Lettisch gekonnt und kann bis heute kein Schwäbisch, aber ich fühle mich hier dennoch sehr heimisch.

Bei uns hieß Esslingen auch kleines Lettland. Es war eine selbständige Gemeinschaft.

Hier wurde die »Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche im Ausland« von Teodors Grinbergs gegründet. Wir sehen uns in der Tradition der lettischen Kirche. Seit 1945 haben wir hier auch unseren Gottesdienst.

Inzwischen sind wir eine internationale Kirche geworden mit Gemeinden in der ganzen Welt. Die Gemeinden liegen verstreut über Europa, Nord- und Südamerika sowie Australien und Neuseeland.

Ich bin Erzbischof Emeritus. Der vierte in der Reihe. Meine Nachfolgerin sitzt in Milwaukee.

Die Südkirche war ursprünglich eine Flüchtlingskirche für die ankommenden Letten.

Wenn man beginnen muss, um die verlorene Heimat zu trauern, dann kann man sich doch einen möglichst schönen Ort dafür aussuchen. Und mit einem Viertele lässt sich so einiges an Trauerarbeit besser bewältigen.

Früher waren es natürlich mehr Kirchenbesucher als heute, aber dennoch hat die Kirche immer noch einen großen symbolischen Wert für uns und hat viel zur Bewältigung der Exilerfahrung beigetragen. Ich selbst wurde hier getauft, konfirmiert und ordiniert. Die erste lettische Pfarrerin wurde ebenfalls hier ordiniert.

Seit 2005 kommen wieder sehr viele Letten nach Deutschland. Es gibt nun wesentlich mehr Taufen als Beerdigungen. Der Gottesdienst findet auf Lettisch, mit einer kurzen Zusammenfassung auf Deutsch, statt.

Ich ermuntere die Leute, die heute hier ankommen, in beiden Kulturen zu leben, weil das sehr bereichernd ist.