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Lehrer, ledig, aufgeschlossen

Auf dem Weg von der Wohnungstür zur Haustür musste sie sich entscheiden. Anscheinend hatte ich Glück und sie gab uns eine Chance.

Ich bin Lehrer im Ruhestand.

Inzwischen gebe ich nur noch Ferienkurse für Kinder. Das macht mir hin und wieder noch Spaß. Es ist eben ein riesiger Unterschied, ob man arbeiten muss oder arbeiten darf.

Vor 44 Jahren gab es neben dem Stuttgarter Wochenblatt ein zweites Anzeigenblatt, den Stuttgarter Stadtanzeiger.

Dessen Werbeaktion war es, Bekanntschafts-Annoncen zu einem Sonderpreis anzubieten. 15 Mark für eine Annonce damals.

Ich war gerade einige Jahre im Dienst und in der Phase, in der man überlegt, was man eigentlich mit seinem Leben macht.

»Gut, das ist ein Wink des Schicksals.«

Und »wenn die so günstig sind, dann kann man ja gleich zwei Annoncen einstellen.«

Aber unterschiedlich formuliert.

Eine seriöse, also »junger Lehrer, ledig, aufgeschlossen« und so weiter.

Und die andere in Form einer Anzeige für ein Auto, also »Oldtimer, 29 Jahre, gut erhalten, pflegeleicht, sucht einfühlsame Fahrerin.«

Die beiden Annoncen standen also in der ersten Ausgabe des Stadtanzeigers.

Dann sitzt man erstmal da und wartet. Und dann kamen die Rückmeldungen.

Es waren einige Briefe. Aber zwei sind mir aufgefallen. Es war die gleiche Handschrift. Sie waren offensichtlich von der gleichen Person.

Aber auch sie hatte beide Annoncen individuell beantwortet.

Also einmal seriös »kühle Blonde aus dem hohen Norden« und einmal auf das Autofahren eingehend. Das hat mich beeindruckt. Also habe ich wiederum geantwortet »Liebes Frl., ich habe Ihre Briefe erhalten.« An der Stelle dachte sie: »Verflixt, der kann ja kein Deutsch, das heißt ja wohl »ich habe Ihren Brief erhalten«. Allerdings ging es gleich weiter mit »Ja, Sie haben richtig gelesen, ich habe zwei Briefe von Ihnen erhalten«.

Ich habe die Situation also aufgeklärt und geschrieben, dass es doch schön wäre, wenn man sich mal treffen könnte. Bei einem Telefonat waren im Hintergrund die Kinder meiner Vermieterin zu hören und meine Frau stellte sich vor, dass ich in einer Kommune lebte.

Am Tag unseres ersten Treffens war ich vorher auf einem Tanzturnier. Das zog sich etwas in die Länge. Ich kam also mit erheblicher Verspätung, aber noch im Anzug, zu der Verabredung nach Bad Cannstatt. Meine Frau hasst Verspätungen. Anzug und Krawatte sprach doch sehr gegen die Kommune.

Sie war noch nie auf dem Fernsehturm gewesen, also sind wir direkt dorthin gegangen und haben uns bei der herrlichen Aussicht näher kennengelernt. Wir haben uns gut verstanden.

Ich war weder der geschniegelte Fatzke im Anzug, noch der Kommunarde, aber sie auch nicht die hochgewachsene Walküre, die ich mir vorgestellt hatte.

Wie bei den beiden Briefen am Anfang schaffen wir es doch immer wieder, uns aufeinander einzustellen. Das setzt sich bis heute fort.

Auch meine Unpünktlichkeit ist heute manchmal noch ein Thema.