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Muss-Zustand

Es gibt einen schönen Spruch im Lateinischen: ubi bene, ibi patria. »Wo es mir gut geht, ist meine Heimat«, damit identifiziere ich mich. Ich kann mich hier entfalten, weil ich mich persönlich einbringen kann. Ich kann mitentscheiden, ist das nicht großartig?

Ich bin in Bosnien geboren, in Sarajevo, dort bin ich aufgewachsen. Und wir hatten nie vor, irgendwo anders hin zu ziehen – es ging uns gut.

Und dann ist 1992 der Bürgerkrieg in Bosnien ausgebrochen. Da war ich 9 und da war noch lange klar, dass wir bleiben. Die Hoffnung war da, dass sich das alles wieder einkriegt. Ein-Kriegt, komisches Wort.

Viele gingen – sind geflohen. Aber mein Vater hing eben sehr an seiner Heimatstadt und er hatte den Glauben, dass sich das bald beruhigen wird. Aber es hat sich nicht beruhigt, es wurde immer schlimmer.

Im Oktober, nach einem halben Jahr Krieg – da ist eine Granate in den Hof gefallen, wo wir saßen. Die hat mich verletzt, das war so gravierend, dass mein Arm amputiert werden musste. Ich schwebte in Lebensgefahr – das wusste ich da natürlich so nicht, also als Kind weiß man ja nicht, was das bedeutet. Da war dann ein deutsches Ärzteteam im Krankenhaus, die haben meinem Vater gesagt, dass ich irgendwie aus Bosnien raus muss.

Im März 1993 sind wir dann raus aus Sarajevo, das war schwierig, weil die Stadt eingekesselt war. An diesem Abend kam mein Vater und sagte: »So, wir müssen jetzt los. Verabschiede dich von der Familie.« Das war für mich das Allerschlimmste: der Heimatverlust. Also es war auch schlimm, den Arm zu verlieren, aber ich fand es noch viel schlimmer, mich dann von meiner Familie verabschieden zu müssen; von meiner Oma, meinen Cousinen, meiner Tante. Die alle dort zurückzulassen, das war ein ganz trauriger Moment.

Ich hatte echt Angst. Wir mussten durch die Schusslinie, raus aus Sarajevo. Überall gab es Explosionen, das war wie Feuerwerk, nur in hässlich.

Aber irgendwann hatten wir es geschafft. Da war erstmal Stille, da war Frieden. In der Kleinstadt, in der wir dann waren, war noch kein Krieg. Von da aus ging es mit dem Taxi irgendwie weiter und von Slowenien aus dann mit dem Nachtzug nach Bonn.

Ich kam zu einer Pflegefamilie, bin aufs Gymnasium gegangen. Obwohl die Lehrer erstmal gesagt haben: Das geht nicht. Ich habe schnell Deutsch gelernt. Aber ich habe eine enorme Ungerechtigkeit empfunden. Irgendwann habe ich gemerkt: »Wenn man sich engagiert und einbringt, findet man Gehör.«

So bin ich in die Politik gekommen. Ich finde, das Spannende an der Politik ist, dass man viele Themen nicht langfristig planen kann, sondern die kommen einfach und dann musst du Position beziehen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass kein Mensch gerne seine Heimat verlässt, sondern nur, wenn es sein muss. Wenn das damals mit meinem Arm nicht passiert wäre, wären wir ganz sicher in Bosnien  geblieben. Die Frage ist immer: Wie wägt man ab zwischen Hoffnung und Angst, wann ist dieser Muss-Zustand da.

Ich habe in Deutschland relativ schnell meine neue Heimat gefunden.