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»Nichts erzwingen, es muss sich begeben!«

»Ich glaube an die Sonne, auch wenn ich sie nicht sehe. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.«

Ich war Pfarrer. 17 Jahre lang. Als ich 50 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, ich habe genug gepredigt in meinem Leben. Über ein Jobangebot kam ich dann an diesen mir unbekannten Fleck; an die evangelische Akademie in Bad Boll. Die Akademie wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet als Schnittstelle zwischen Politik, Gott und Welt. Sicherlich auch als ein Reflex auf das Versagen der Kirche und das Versagen der Zivilgesellschaft im Nationalsozialismus.

Ich war sehr glücklich über meinen neuen Beruf und wollte diesen eher nach der Kunst ausrichten oder der Poesie. Und dann begegneten mir die Blumhardts. Und durch diese Konfrontation bin ich wieder zum Theologen geworden. Nur, dass das jetzt eher diesen ketzerischen Anstrich hat.

Johann und dessen Sohn Christoph Blumhardt lebten in Bad Boll und prägten diesen Ort durch ihre Arbeit.

Johann Blumhardt zog 1852 mit seiner Familie nach Bad Boll, wo er bis zu seinem Tod 1880 im Kurhaus ein Seelsorgezentrum leitete.

Als Glaubens-Heiler hatte Blumhardt einen guten Ruf – der ihm auch Schwierigkeiten einbrachte. Ihm wurde vorgeworfen, in mittelalterliche Dämonenvorstellungen einzugreifen, weil er durch die Heilung einer Frau berühmt wurde: Sie war schwer schizophren, also psychisch unheimlich angeschlagen. Blumhardt diagnostizierte bei ihr eine Form von Besessenheit, bei der Dämonen ihre Hand im Spiel haben, die diese Frau in den Selbstmord treiben. Also eine destruktive Seite, die er als dämonisch interpretiert hat. Um dieser Frau Hoffnung und Zuversicht zu signalisieren, formulierte er die Losung »Jesus ist Sieger«. So schaffte er es, dass diese Frau die Glaubenskraft aus sich selbst heraus fand – und verhalf ihr so zur Selbstheilung. Das war etwas Neues, da er die Glaubensaussagen, die Generationen vor ihm von der Kanzel aus losgelassen haben, realistisch verstanden und individualisiert hat. Er hat gesagt: »Das trifft genau auf dich zu.« Das Moderne von Blumhardt war, Leib und Seele als Ganzes zu verstehen. Wo es hieß: »Geh mit deinem Leib zum Arzt und mit deiner Seele zum Pfarrer«, sagte Blumhardt, Leib und Seele auseinander zu reißen ist, wie einen Totschlag zu begehen. Diese Verbindung war in der Theologie bahnbrechend.