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Treffpunkt der Möglichkeiten

Wenn ich heute mit meiner Enkelin manchmal im Café sitze, kommen alte Kunden vorbei, die sagen: »Es ist so schade, dass es die Bäckerei nicht mehr gibt.«

Wir sind 1960 nach Ditzingen gekommen. In die Bauernstraße.

Wir wohnten im letzten Haus in der Straße. Danach kam nur noch eine Scheune mit Hühnern. Auf der anderen Straßenseite standen schon fünf große Häuser.

Damals waren das alles noch Feldwege hier. Da gab es noch nicht überall befestigte Straßen. Erst ab unserem Haus war die Straße geteert. Und hier hat mein Vater eine Bäckerei mit Lebensmittelverkauf eröffnet. Das war einer der ersten Selbstbedienungsläden, die es so gab. Wie ein kleiner Supermarkt. Tante-Emma-Laden nannte man das damals. Die großen Supermarktketten gab es noch nicht.

Erstmal wusste man nicht, wie das laufen wird, aber im Nachhinein kann man sagen, es lief wie g’schmiert. Samstags standen die Leute Schlange durch den ganzen Laden bis raus. Da war einiges los. Es war so etwas wie der Treffpunkt der Bauernstraße.

Wenn die Leute morgens ins G’schäft oder auch so in die Stadt mussten und es hatte geregnet, dann war das recht schmutzig. Also haben sie die dreckigen Stiefel bei uns im Laden stehen lassen und sind dann mit den schicken Schuhen weiter in die Stadt.

Wir hatten auch das einzige Telefon bis zum Ende der Straße. Wenn jemand telefonieren wollte, konnte man 20 Pfennig bezahlen und telefonieren. Oder wenn es einen Telefonanruf gab, dann musste immer einer von uns sieben Kindern losrennen und die Person holen, für die der Anruf war.

Die Leute hatten auch keine eigenen Backöfen. Das heißt, wenn jemand einen Kuchen backen wollte, dann sind die Leute zu uns gekommen und wir haben für sie gebacken. So kannten wir natürlich die ganzen Leute.

Es ging hier alles sehr familiär zu. Unsere Mutter war eine sehr hilfsbereite, fürsorgliche, soziale Person. Sie war eigentlich immer für alle da und wenn irgendjemand in der Kundschaft ein Problem hatte, dann saß die Person bei uns in der Küche und hat meiner Mutter ihr Herz ausgeschüttet und sie wusste meist für jeden einen guten Rat.

Oder einmal kam ein Kind mit einem Zettel, auf dem stand: »1 Flasche Wein, 10 Schachteln Zigaretten, 1 Brot, Butter und ein bisschen Wurst, und bitte anschreiben. Wir denken nur an unsere Kinder.« Darauf hat meine Mutter mit einem Zettel geantwortet: »Das Brot, die Butter und die Wurst bekommen Sie umsonst, aber der Alkohol und die Zigaretten sind nichts für die Kinder.«

Wir waren der Anlaufpunkt für alles Mögliche. Das war aber irgendwie auch schön. Es war nicht so anonym wie heute.

Also, wenn ich heute sagen müsste, warum das so gut lief: Die Ware war natürlich gut, aber vor allem haben wir eben auch immer einen offenen und herzlichen Umgang gepflegt.

Es gab auch nicht so viele andere Läden, aber zu uns kamen die Leute immer gerne.