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Die Autoren im Gespräch mit Friseur Heinz Klinger

Über die Kunst ins Gespräch zu kommen

Wir haben mit vielen außergewöhnlichen Menschen gesprochen und ihre Geschichten eingesammelt. Im Pop-up-Friseursalon können die Geschichten unter den Trockenhauben nun gehört werden. Und die Zuhörer und Leser sollen auch ihre Geschichten erzählen und aufschreiben. So wird aus einem Friseursalon das rollende kulturelle Gedächtnis einer Region. Aber war ein Friseursalon schon immer ein besonderer Kommunikationsort?

Wir haben einen der erfolgreichsten Friseure Stuttgarts dazu befragt. Heinz Klinger muss es wissen. Seit 1973 arbeitet er im Stuttgarter Süden. In seinem Salon in einem ehemalige Autohaus erklärte er uns, dass es immer noch eine sachliche Ebene gibt, wenn man sich nicht über Kunst unterhalten kann.

Christian Müller: Herr Klinger, Kommunikation ist ein Teil des Friseurberufs – wie sprechen Sie mit Ihren Kunden?

Heinz Klinger: Für Beratungsgespräche gibt es keine Strategie, aber ein Gerüst, wie man vorgeht: erst mal Informationen suchen, dann verarbeiten und am Ende Vorschläge machen. Man muss herausfinden, wie die Kunden tatsächlich aussehen möchten. Die sagen Ihnen das oft gar nicht direkt.

Simon Kubat: Sehen Sie schon, wenn die Kunden hereinkommen, was sie oder er will?

HK: Ich weiß im Grunde sofort: Ist das ein kritischer Kunde, ist das ein schwieriger Kunde oder ist das ein sanguinischer Kunde, der über der Sache steht. Schwieriger ist die Abstimmung, man muss absprechen, was für ein gemeinsames Ziel man hat. Für die Beratung stehen wir nicht hinter den Kunden, sondern wir sitzen neben ihnen.

Jonas Bolle: Auf Augenhöhe sein, das leuchtet ein, aber was redet man während des Haareschneidens?

HK: Wenn ein Kunde überhaupt nicht mit mir sprechen will, dann nimmt sie oder er eine Zeitschrift und blättert darin. Dann halte ich die Klappe. Wenn sie oder er aber in den Spiegel guckt, beobachtet und fragt, warum schneiden Sie das so oder so, dann beginnt das Gespräch.

JB: Wie persönlich kann so ein Gespräch werden?

HK: Das ist freigestellt.

CM: Wie ist das bei Ihnen?

HK: Wenn der Kunde beginnt, dann geh ich mit. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie privat das manchmal wird. Ich bin jetzt 72 und wenn ich mal nicht mehr arbeite, dann würden mir die Gespräche am meisten fehlen. Manchmal bleibt es auch nicht beim Friseurbesuch, dann werde ich eingeladen.

SK: Warum passiert das genau in dieser Situation?

HK: Beim Friseur kann man abschalten, was sonst selten vorkommt im Tagesablauf. Und ich komme den Kunden nah, ich fasse sie an. Da werden die Leute auch etwas offener. Aber ansonsten ist es wie überall: Man kann sich manchmal riechen, manchmal nicht. Wenn es mit einem Kunden nicht so gut funktioniert, dann gehe ich auf die sachliche Ebene. Dann reden wir nur über die Frisur.

CM: Worüber spricht man?

HK: Das ist absolut vielfältig. Zu mir kommen auch Leute, die aus der Politik sind. Jeder weiß, dass ich aus der linken Ecke komme. Jetzt kommen die aus der rechten Ecke auch zu mir. Aber über Politik spricht man gar nicht. Viele wissen, dass ich kunstbegeistert bin. Ich habe immer Kunstausstellungen im Salon. Alle 8 Wochen neue Bilder, Fotografien oder Skulpturen. Das ist oft Hauptgesprächsthema.

JB: Der Raum spielt also eine große Rolle?

HK: Ja, ich betrachte meinen Salon als meinen persönlichen privaten Raum, in den ich meine Kunden einlade. Das ist ein Kommunikationsort. Früher hatten wir so einen Raum mit Friseurhauben an der Wand. Meine jungen Kunden haben sich gefragt: Was ist das denn für ein Gerät da oben? Und die älteren Kunden saßen unter der Haube und haben angefangen, laut zu erzählen und zu singen. Die Propeller rauschen ja so laut und da dachten sie, sie sind total für sich. Die jungen Kunden haben das gar nicht begriffen. Das war spektakulär.

CM: Wie sieht es heute aus?

HK: Heute wird nicht weniger gesprochen, aber anders. Nicht mehr in ganzen Sätzen. Früher war es auch inhaltlich stärker und politischer. Ich finde es unglaublich wichtig, dass man viele Infos bekommt und sich mit verschiedenen Positionen auseinandersetzt. Wenn man nur in Schlagworten spricht, ist das schwierig. Mir hat ein befreundeter Wissenschaftler erklärt, dass heute keiner mehr länger als 7 oder 8 Minuten zuhören kann. Da läuft doch was falsch. Ich finde, wir müssen wieder zuhören lernen.