Logo KulturRegion Stuttgart

Unsere Schule heißt »Christophine«

Ich habe eine Schule gegründet. Eigentlich wollte ich nie Schulleiter werden. Das ist aus einer Lust heraus entstanden. Ich wollte mich nicht länger mit den Problemen, die meine Kinder aus der Regelschule mitbringen, beschäftigen.

Ich hatte einfach Lust, das auszuprobieren, eine eigene Schule. Als unser viertes Kind geboren wurde, war die Zeit reif. Und ich war mutig genug.

Das ist jetzt 10 Jahre her. Der Anfang war schwer, da man in den ersten drei Jahren keine staatliche Unterstützung erhält. 2009 haben wir den Lehrbetrieb als öffentliche Grundschule aufgenommen. Mittlerweile finanzieren wir uns aus Elternbeiträgen und Zuschüssen vom Land, so wie jede Schule in freier Trägerschaft. Wir sind nur 20 bis 24 Kinder, die kompetenz-, alters- und jahrgangsgemischt lernen.

Die Kinder bestimmen ihre Lerninhalte selbst. Wir haben keine Klassen, die Gruppen bilden die Kinder selbstständig, das funktioniert je nach sozialer Lust und Laune, Freundschaften spielen eine große Rolle. Wir thematisieren das Lernen selbst und dies findet Resonanz in den persönlichen Konzepten von Bedeutsamkeit und Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet in unserem Zusammenhang: »Guck mal was du selbst erreichen kannst, jetzt, in diesem Augenblick.« Die Lerninhalte ergeben sich aus dem, was die Kinder heute interessiert und was sie sich zutrauen. Wir sitzen bis zu fünf Mal am Tag mit allen Kindern zusammen und besprechen, wie es weitergeht. Im »Zeigekreis« zeigen und besprechen wir das bisher Erarbeitete. Auf der einen Seite positive Bestätigung des bisher Geleisteten, auf der anderen Seite die Zumutung, dass nicht jede Idee sofort umgesetzt werden kann.

Wir sitzen am Rande der Altstadt von Marbach und die Kinder nutzen im besten Fall die ganze Stadt als Lernfläche. Das Gebäude ist über 100 Jahre alt. Gebaut von einem Schreiner. Die »Schaffigkeit« des Handwerkers soll uns heute noch inspirieren. Neben dem händischen Lernen, dem Begreifen im Wortsinn, spielten auch darstellende Kunst und Literatur eine große Rolle in unserer Arbeit.

An künstlerischen Prozessen interessiert mich die Kreativität und der Schöpfungsprozess. Es geht darum, Fragen zu finden, nicht nur Antworten. »Welche Fragen stellst Du heute, welche Fragen stellst Du jetzt in diesem Moment?« Kinder sind per se spielende, kreative Wesen. Sie wissen sehr wohl, was Kunst ist.

»Christophine« war die Schwester von Friedrich Schiller. Mit dem Namen hat die Schule Wurzeln bekommen. Christophine war vier Jahre älter als Schiller und sie hat ihren Bruder oft beaufsichtigt und ihm geholfen. Sie selbst durfte nie eine Schule besuchen, aber sie war Autodidaktin. Sie hat sich alles draufgeschafft, was nötig war, um mit vielen Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts zu korrespondieren. Christophine passt perfekt zu unserer Art und Weise, wie wir das Leben sehen. Selbst anpacken, sein Lernen eigenständig verantworten, darum geht es. Und der Name ist wohlklingend, das tut uns allen gut.