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Vom Tourist zum Prinz in zwei Jahren

Von der ersten Generation von Gastarbeitern habe ich in Italien immer gehört, wie großartig es hier ist. Mein erster Eindruck war: Die Wohnung meines Bruders war kalt, die Kneipen stanken nach Urin. Was für eine Enttäuschung. Zwei Jahre später bin ich zum ersten Mal wieder zurück nach Italien gefahren. Mit dem eigenen Auto. Einem Sportwagen.

Ich bin seit 55 Jahren in dieser Stadt. Ich bin als junger Mann, mit 20 Jahren, hier hergekommen. Erstmal hat es mir überhaupt gar nicht gefallen.

Ich wollte eine Woche hier Urlaub machen. Mein Bruder hat hier gewohnt und ich wollte ihn besuchen. Meine Schwägerin war eine Deutsche.

Von der ersten Generation von Gastarbeitern habe ich in Italien immer gehört, wie großartig es hier ist.

Und mein erster Eindruck war: Mein Bruder wohnt in einer Wohnung direkt unterm Dach. Einem Dach, welches nicht einmal eine Isolierung hatte.

Da war ich schon mal richtig enttäuscht. »Komm wir gehen ein Bier trinken, hier direkt am Bahnhof ist eine Kneipe.« Da waren ein paar Tische und Stühle, aber es hat gestunken, nach Urin, das war ekelhaft.

»Das ist doch keine Bar, das ist eine Latrine. Komm, geh du rein, aber ich trinke hier kein Bier und keine Cola. Ich warte draußen.« Naja, die zweite große Enttäuschung. So, und mit diesem Friseurladen, das war so.

Ich habe in Italien schon mit 10 im Friseurladen angefangen zu arbeiten.

Ein Kollege von meinem Bruder war auch Friseur. Und er fragte mich, ob ich ihm die Haare schneide. »Klar.«, hab ich gesagt. Ich habe ihm also die Haare geschnitten, und er: »Oh, du bist ja viel besser als ich. Du bleibst hier.« »Jaja, ich bleibe eine Woche, zum Urlaub.«

Mein Bruder kannte den Besitzer eines alten Friseursalons. Er sagte, ich sollte dort mal probieren, Haare zu schneiden. »Ja, klar, du kannst morgen hier Probearbeiten.«

Ich bin also hin. Obwohl ich zuerst nicht richtig wollte.

Es lief ganz gut. Und es hat Spaß gemacht. Mein Bruder hat gemeint, ich könnte dort anfangen, aber am Samstag fahren wir raus zu den Firmen, wo die ganzen Gastarbeiter sind. »Du schneidest den ganzen Italienern die Haare. Das sind 200 Stück, 2 Mark pro Schnitt.« Am ersten Tag habe ich ca. 40 Mark verdient. Ich habe meinen Bruder gefragt, wie der Kurs ist, wie viel Lira das sind. Er meinte ca. 80.000.

»Boah, das sind in Italien zwei Monatsgehälter von mir. An einem Tag. Wenn ich hier vier Wochen arbeite, kann ich mir ein Auto kaufen.«

Also habe ich von hier aus meine Arbeit in Italien gekündigt und bin hier geblieben. Nach drei Monaten Arbeit habe ich mir mein erstes Auto gekauft.

Am Wochenende habe ich allen Gastarbeitern aus der Region die Haare geschnitten.

Es hat Spaß gemacht. Alle kamen zu mir. So viele Leute kennengelernt, so viele Freundschaften geknüpft, so viele interessante Geschichten und Spaß.

Ständig Gesellschaft, gutes Publikum und jede Menge Freude. Ich habe mich gefühlt wie ein Prinz.

Da war ich doch froh, dass ich in Deutschland Urlaub gemacht hatte.

Nach zwei Jahren bin ich zum ersten Mal wieder nach Italien gefahren. Mit dem eigenen Auto. Ein Sportwagen. Ohne Führerschein.

Achja, ich hatte Glück.