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Gottes Wunder in der Rechenmaschine

Pfarrer und Mechanikus Philipp Matthäus Hahn

Man mag darüber staunen, aber es gab Pfarrer und Priester, die Wichtiges erfunden und entdeckt haben; sie stehen für die Verknüpfung von Intuition, Innovation und Inspiration. Mechanische Waschmaschinen, Papiere aus Naturfasern, Blitzableiter, Geheimschriften, Kalender, die ersten Leserbriefe, optische Telegrafen, die Zeitlupe, die Gesetze des Gregor Mendel – hinter all diesen Neuerungen stehen geistliche Herren. Doch nur selten haben sie gesagt, wieweit sie durch Studium und kirchliches Amt zu ihren Pioniertaten kamen.

Bei einem war das anders: bei Philipp Matthäus Hahn, einem pietistischen Pfarrer. Er, der von 1739 bis 1790 in Orten rund um Stuttgart lebte, hat jahrelang Tagebücher geführt. Und immer wieder hielt er darin fest, was ihn antrieb, wenn er sich mit Waagen und Uhren, mit Rechenmaschinen und Himmelsgloben befasste: Er will das technische Talent, das ihm der Schöpfer geschenkt hat, unbedingt nutzen, will selbst etwas schaffen. Neben der Seelsorge und dem Predigen spürt er den Auftrag, ja die Pflicht, die Heilige Schrift zu verbreiten und seine Kirche zu stärken.

Einmal schreibt er über einen frühen Impuls: »Gott hatte mir einen unüberwindlichen Trieb zum Studium der Theologie eingeflößt«, obgleich ihm geraten worden war, Ingenieur zu werden. Das lag ihm offenbar sehr. Und so tüftelt er Tag und Nacht an Geräten vieler Art – und schimpft zugleich über diese Apparaturen, die so schwer zu konstruieren sind. Mehr aber zählt diese Seite: »Was Rechenmaschinen, was astronomische Uhr, das ist Dreck! Jedoch um Ruhm und Ehre zur Ausbreitung des Evangelii zu erlangen, will ich die Last weiter tragen.«

Ein anderes Mal empfindet er: »Ich arbeite täglich und dringe immer tiefer in das Meer der Wahrheit ein.« Welch eine Mühsal! Hahn nennt seine Konstruktionen gleichwohl »Spielwerke« und schränkt ein: »Alles, was einen Zweck und Frucht auf die Ewigkeit hat, ist mir vom Anfang meines Amtes an wichtiger und größer gewesen als diese.«

Theologie und Technik waren für Hahn keine Gegensätze. Der Naturforscher Rudolf F. Paulus, ein Nachfahre Hahns, bemerkte 1973, dass »die Beschäftigung mit mechanischen Geräten für die vorindustrielle Zeit eine Art von Theologie war. Gottes Wunder zu erkennen und im Modell nachzuahmen, erschien den Zeitgenossen erstrebenswert.« Die Maschinen, von 1770 an durch Hahn und dessen Helfer kunstvoll aus Hunderten von Teilen präzise gefertigt, sind heute rare Kostbarkeiten und gefragte Museumsstücke. Sie enthalten – für Rechenmaschinen eine Premiere weltweit – ein mehrstelliges Umdrehungszählwerk; sie zeigen die Ergebnisse verlässlich an.

Hahn lebte und wirkte in Scharnhausen, Kornwestheim, Herrenberg, Tübingen, Onstmettingen, Balingen und Nürtingen. Gestorben ist er in Echterdingen; dort liegt auch sein Grab.

 

Von Eckart Roloff – Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches »Göttliche Geistesblitze« (Weinheim 2010 und 2012). Es stellt neben Hahn 24 Pfarrer, Priester und Mönche vor, die etwas entdeckten und erfanden.

Inspirierende Orte und Fakten

Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) vereinte in seiner Person einen tiefen Glauben und eine große Leidenschaft für Technik. In der freien Zeit, die dem Pfarrer Hahn blieb, entwickelte der Mechanikus Hahn Uhren und Waagen, Globen und Rechenmaschinen.

Geburt

25. November 1739 in Scharnhausen auf den Fildern

Plakatgestaltung

Yasemin Sezgin, Luise Trilsbach, Hans Toursel, Jonathan Mabuma, Vinicius Ferraz Pereira, Philipp Debatin, Alex Chiorean und Ivan Pechalin, Lazi-Akademie Esslingen