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Backnang

Dirk Schlichting:
»Station-P«

Für seine Installation »Station-P« hat der Künstler Dirk Schlichting auf einer großen Brache an der Murr ein bunkerähnliches Gebäude errichtet. Der Bau aus grob verschaltem Sichtbeton erinnert an eine Forschungsstation oder einen Schutzbunker. Dieses Häuschen inmitten der von Folien abgedeckten weitläufigen Freifläche zieht die Aufmerksamkeit der Passantinnen und Passanten auf sich. Doch die Brache ist eingezäunt, niemand kommt näher als 100 bis 150 Meter an das Gebäude heran.

Schlichting spielt mit der Neugier der Betrachterinnen und Betrachter: An der Straße hat er einen Aussichtspunkt eingerichtet und dort ein Fernrohr installiert. Durch das Rohr ist nicht viel zu sehen, aber genug, um den Eindruck zu erwecken, die Station sei bewohnt. Eine leichte Bewegung der Entlüftungsklappen oder ein unregelmäßig aufleuchtendes kleines Signallicht weisen darauf hin, dass im Inneren etwas vor sich geht, dass sich in der Station-P möglicherweise eine Person befindet.

Und tatsächlich scheint der Ort belebt: Der Künstler selbst hält sich in dem Gebäude auf? Um ihm auf die Spur zu kommen, ist ein Umweg in den virtuellen Raum nötig: Über den gesamten Ausstellungszeitraum wird täglich von 19:20 bis 19:30 Uhr aus dem Innenraum live übertragen.

Jeweils 10 Minuten lang ist zu sehen, wie Schlichting seinen Alltag im Gebäudeinneren verbringt. Der einsame Künstler, mal rasiert, mal unrasiert beim Kochen, Schlafen und Lesen. Schlichting lässt uns zu Voyeurinnen und Voyeuren werden. Er spielt mit der Lust, das zu sehen, was im Verborgenen vor sich geht und einer gewissen Befriedigung, die der Blick auf das Leben der anderen verschafft. Dabei zieht er uns in ein Spannungsfeld aus Nähe und Distanz, Privatheit und Öffentlichkeit hinein: Je ferner und unnahbarer etwas erscheint, desto großer ist der Reiz, ganz nah heranzutreten. Der Künstler inszeniert seinen Rückzug und exponiert sich damit gleichzeitig selbst. 

Er führt diese Widersprüchlichkeit deutlich vor Augen und verweist damit auf eine im Zeitalter der sozialen Medien allgegenwärtig lauernde Falle: Wer Privates teilt, kann heute kaum noch ermessen, wer am anderen Ende hinter dem Fernrohr sitzt. Und noch eine zweite Ungewissheit der durchdigitalisierten Welt deutet sich an: Wenn sich zwischen mir und dem, was ich ›live‹ sehe, ein Bildschirm befindet, wie kann ich sicher sein, dass es sich tatsächlich ereignet?

Der Künstler

Der Installationskünstler Dirk Schlichting wurde 1965 in Düsseldorf geboren. 1988 begann er an der Kunstakademie Münster bei Joachim Bandau zu studieren, seit 1992 als Meisterschüler. Bereits während des Studiums erhielt er verschiedene Auszeichnungen. 1991 wurde ihm der Förderpreis der Gemeinde Everswinkel verliehen, 1993 der Förderpreis »Studiogalerie XVI« des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. 1994 schloss er das Studium mit dem Akademiebrief ab. Seit 1991 sind seine oft ortsbezogenen Installationen in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Schlichting ist Mitglied im Westdeutschen und Deutschen Künstlerbund, er lebt und arbeitet in Herne. 

Website des Künstlers
© Dirk Schlichting

Die Installation ist zu sehen:

Adresse

Brache an der Murr

Kunstwerk zu besichtigen

25.09.–1.11.2020

Fokustag 9.10.2020