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Fokustag
Gerlingen
28.09.2020
© Michael Jeuter

Gerlingen

Barbara Ungepflegt
»Airpnp«

Wohnen unter Beobachtung: Die österreichische Performancekünstlerin Barbara Ungepflegt hat sich für ihre Installation »Airpnp« im Buswartehäuschen auf dem Gerlinger Rathausplatz eine Bleibe eingerichtet. Für drei Wochen lebt sie unter den Augen der Gerlinger Öffentlichkeit auf etwa drei Quadratmetern. Die kleine Wohnung bietet gerade Platz für das Allernötigste: ein Klappsofa, ein Regal, ein Tisch mit zwei Stühlen. Dabei ist der Raum keineswegs minimalistisch. Blumen, Bücher und Bilder schaffen eine gemütliche Atmosphäre. Selbst Mahlzeiten bereitet sich die Künstlerin in ihrer begrenzten Bleibe zu. Mit einem Campingkocher versorgt sie sich – und mitunter auch hungrige Passantinnen und Passanten. Denn Barbara Ungepflegt möchte in ihrem zeitweiligen Zuhause vor allem eines sein: eine gute Gastgeberin. Wer durch die gläserne Wand in das Häuschen schaut, den bittet die Bewohnerin herein.

»Air pause and peep« nennt Ungepflegt ihre Arbeit – ein Aufruf zum Pausieren und »Hineinspitzeln«. Für einen kleinen Plausch bei einem Gläschen Wein im Wartehäuschen ist allerdings eine gehörige Portion Vertrauen von beiden Seiten notwendig. Die Künstlerin stellt damit sich und anderen die Frage: Ist es möglich, sich auch unter Beobachtung wohlzufühlen? In ihrer Versuchsanordnung ist Ungepflegt nicht nur Beobachtete sondern auch Beobachterin, die genau verfolgt, wie ihr Umfeld auf sie reagiert.

Die Abkürzung »Airpnp« ist freilich auch als Anspielung auf die Online-Plattform »Airbnb« gemeint. Über das 2008 gegründete Portal können private und kommerzielle Anbieter Unterkünfte vermieten. In manchen Großstädten hat sich dadurch die Lage für Wohnungssuchende drastisch verschlechtert, da potentieller Wohnraum dem Markt entzogen wird. Mit ihrer Aktion macht Ungepflegt auf diesen Missstand aufmerksam. Gleichzeitig konstatiert die Künstlerin eine allgemein zunehmende Bereitschaft, Intimes öffentlich zur Schau zu stellen.

Ob Airbnb-Nutzer, die ihr Zuhause als makellose Kurztripdestination inszenieren oder Instagramer, die den perfekten Apfelstrudel oder den sich bekleckernden Nachwuchs teilen – Barbara Ungepflegt appelliert nicht mit Groll, sondern mit Augenzwinkern an all diejenigen, denen das Gefühl für die Grenze zwischen privat und öffentlich verloren zu gehen droht. 

Die Arbeit ist eine Kooperation von Barbara Ungepflegt und brut Wien, 2017. Mit Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien, des Bundeskanzleramts Kunst und Kultur und des Österreichischen Kulturforums Berlin.

Die Künstlerin

Barbara Ungepflegt ist Performance-, Video- und Installationskünstlerin. In vielen ihrer Arbeiten setzt sie sich mit Zwischenräumen und Utopien in der Öffentlichkeit auseinander. Seit zehn Jahren verwirklicht sie partizipative, ortsspezifische Projekte: performative Installationen, Videoarbeiten und Interventionen im öffentlichen Raum laden die Besucherinnen und Besucher ein, alternative Realitätsentwürfe mitzugestalten. Barbara Ungepflegt ist Mitbegründerin und Leiterin des Universitätslehrgangs für angewandte Dramaturgie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Seit 2017 arbeitet sie an ihrer Dissertation »Im Leo? Über das Verschwinden eskapistischer Orte in Realität und Imagination.« an der Kunstuniversität Linz, im Wintersemester 2020/21 ist sie Fellow am Internationalen Forschungsinstitut Kulturwissenschaften (IFK).

Website der Künstlerin
© eSel.at / Helmut Prochart
Adresse

Rathausplatz
 

Installation / Performances

Mo 28.9.–So 18.10.

Programm Fokustag 28.9.

»Housewarming-Party«
mit Barbara Ungepflegt, musikalischer Umrahmung und kleinem Umtrunk
Buswartehäuschen, Rathausplatz
17:00 Uhr